Die Darstellung des Körpers
im Musikvideo „Disconnect“
von Plastikman


Eine Clipanalyse
von
Jan-Peter Schmidt


Seminar: Clipping reality
Seminarleitung: Prof. Dr. Birgit Richard
Institut für Kunstpädagogik
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main
WS 2004/2005


Jan-Peter Schmidt
Homburger Straße 5
60486 Frankfurt/Main
069 / 977 861 60



Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung 1

2. Beschreibung von „Disconnect“ 2

3. Der Körper in „Disconnect“ 8

3.1 Die Fragmentierung des Körpers 8
3.1.1 Der abstrakte und gegenständliche Körper 9
3.1.2 CT-Aufnahmen 10

3.2 Der fragmentierte Körper im Kontext der
Musikvideogeschichte und Körpertheorien 12

3.3 Zentrierung 15

3.4 Bewegung 17

4. „Disconnect“ als elektronischer Musikvideoclip 20

5. Zusammenfassung 21

6. Literatur- und Abbildungsverzeichnis 23

1. Einleitung

Im Jahr 2003 veröffentlichte der kanadische Musiker und Technoproduzent Richie Hawtin unter dem Künstlernamen „Plastikman“ das Musikvideo „Disconnect“. Zentrales Thema dieses Clips ist der menschliche Körper, der von dem Grafikdesigner Cem Gul auf vielfältige Weise visualisiert wird. Regie dieser Computeranimation führte Ali M. Demirel.
Die Analyse dieses Clips stützt sich auf eine präzise Beschreibung von „Disconnect“, die den ersten Teil dieser Arbeit darstellt. In diesem Abschnitt wird die Ästhetik des Musikvideos rekonstruiert. Die Beschreibung bezieht sich ausschließlich auf die kontemplative Ebene und klammert die Musik und andere akustische Merkmale aus. Mit der Konzentration auf das Visuelle kann der semantische Kern der Körperdarstellung beleuchtet werden.
Den zweiten Teil der Arbeit bildet die Clipanalyse, die mit Stills als Argumentationshilfen arbeitet und auf der Grundlage der Beschreibung eine Annäherung an die Frage der Darstellung des menschlichen Körpers in „Disconnect“ vornimmt. Zuerst werden die unterschiedlichen Visuali-sierungen des fragmentierten Körpers beschrieben. Die Darstellungen als abstrakter und gegenständlicher Körper rücken ebenso in den Blickpunkt wie die verwendeten Computertomographie-Aufnahmen. Einen Schwer-punkt der Analyse bildet die im Video vorgenommene Fragmentierung des Körpers, die im Kontext zweier Körpertheorien und der Musikvideo-geschichte diskutiert wird. Im Anschluss daran werden „Zentrierung“ und „Bewegung“, die als ästhetische und stilistische Merkmale den Clip prägen, genauer betrachtet. Deren Einfluss auf die Darstellung des Körpers wird in den gleichnamigen Kapiteln nachgegangen.
Am Ende der Clipanalyse wird mit einer kurzen aber notwendigen Verknüpfung von Musikebene und visueller Ebene versucht, die spezifischen Eigenschaften elektronischer Musikvideos mit „Disconnect“ zu vergleichen und so eine Zuordnung des Plastikman-Clips zu diesem Genre vorzunehmen.


2. Beschreibung von „Disconnect“

Das Musikvideo „Disconnect“ beschreibt eine Reise in das Innere des menschlichen Gehirns. Im ersten Teil des Clips dominieren abstrakte Bilder vom Inneren des Körpers, während im zweiten Teil Computertomographie-Aufnahmen (CT-Aufnahmen) des Gehirns zum Einsatz kommen. Der Clip erzählt keine Geschichte.
Zu Beginn des Videos wird eine schwarze Fläche gezeigt. Nach einer kurzen Zeit erscheint ein kleiner weißer Punkt in der Bildmitte, der wie eine von einem Lichtschein angestrahlte Fliege über die dunkle Fläche schwirrt. Kurz darauf verschwindet er wieder. Ein weiterer Punkt wird am oberen Bildrand in der gleichen Bewegung sichtbar. Auch er verschwindet sofort wieder. Immer mehr Punkte erscheinen, schwirren in verschiedenen Tempi mit ruckartigen Richtungswechseln wie Fliegen in einem Zimmer über die schwarze Fläche und verschwinden anschließend im Schwarz. Nach 19 Sekunden erscheint an den Bildrändern ein graublau gestreifter, halb durchsichtiger Ring, der sich zur Bildmitte hin bewegt. In dieser Bewegung wird deutlich, dass sich die Kamera von dem Bildhintergrund entfernt. Die weißen fliegenähnlichen Punkte werden kleiner, gleichzeitig wird der graublaue Ring als Iris des menschlichen Auges erkennbar. Die kreis-förmige Iris transformiert den schwarzen Hintergrund zur Netzhaut, auf der die kleinen weißen Punkte immer noch umherschwirren. Mit der sich von der Hintergrundfläche entfernenden Kamerabewegung wird ein echtes Auge in der Detailaufnahme sichtbar. Anschließend stoppt die Fahrt. Nun sind Augapfel, Lider, Wimpern und Haut in ihren natürlichen Farben zu sehen. Die Pupille befindet sich im Bildmittelpunkt. Unmerklich beginnen sich die einzelnen Fädchen der Iris wie Pflanzen in der Strömung unter Wasser in Schlangenlinien zu bewegen. Eine weiche Ausblendung von Augapfel, Lidern, Wimpern und Haut isoliert die sich bewegende Iris, die als blaugrauer Ring auf dem schwarzen Hintergrund in der Bildmitte zurückbleibt. Die schwarze Fläche dient nun wieder als Hintergrund bis zum Ende des Clips.
Langsam beginnt sich die isolierte Iris in Richtung der Bildränder zu vergrößern. Die schwarze Pupille dehnt sich für einen kurzen Moment aus und lässt die Iris schmaler werden. Diese Kontraktion erinnert an eine vibrierende Lautsprechermembran. Die Bewegung wird analog zu dem auf der Musikebene einsetzenden Text vollzogen und mehrmals wiederholt. Die bis dahin ständig auf dem schwarzen Hintergrund schwebenden weißen Punkte sind in diesem Augenblick nicht mehr sichtbar. Während der zweiten Kontraktionsphase bleibt im oberen Teil der blaugrauen Iris eines der sich bewegenden dünnen Fädchen in seiner Länge erhalten. Es zieht sich nicht zusammen. In seiner schlangenartigen Bewegung wächst es in Richtung der Mitte der Pupille und verlängert sich. Während der nächsten Kontraktionsphasen findet dieses Ereignis immer wieder an verschiedenen Stellen statt, bis sich schließlich acht Fädchen herausgebildet haben. Das Zusammenziehen der Iris wird mit der zunehmenden Anzahl der Fädchen intensiver. Sie vergrößert sich während ihrer „Sprechphasen“ konstant, bis sie endlich mit dem achten Mal in großer Geschwindigkeit aus dem Bildausschnitt verschwindet.
Auf der schwarzen Fläche bleiben acht silbrig glänzende Fädchen in ruhiger Bewegung übrig. Ihre Spitzen zeigen in Richtung der Bildmitte. Das oberste Fädchen zieht sich, wie auf eine Berührung reagierend, nach Außen zusammen. Es kräuselt sich kurz am Bildrand und richtet sich erneut zur Bildmitte aus. Diese Bewegung vollführen die anderen Fädchen auf die gleiche Weise. Einige lösen sich im Schwarz der Fläche auf und verschwinden, so dass für einen kurzen Moment ein Peace - Zeichen zu sehen ist. Es löst sich durch den Vorgang des Zurückziehens und Zuckens auf. Die beiden letzten Fädchen, die senkrecht im Bildausschnitt liegen und sich in der Mitte fast berühren, lösen sich nicht auf. Eine Metamorphose der zwei Fädchen zu einem Strang setzt ein. Im Anschluss daran gerät er sofort in Schwingung. Die Schwingungen des Stranges dienen auch hier der Visualisierung der Textebene und erinnern an eine angeschlagene Saite eines Musikinstruments. Der schwingende Strang erscheint flächig und von grauer Farbe. Sobald die Schwingung nachlässt, wird der Faden wieder dünner und kräftig weiß. Nach kurzen dynamischen Bewegungen verdoppelt er sich. Nun liegt in der rechten und linken Bildhälfte je eine identische, kräftig weiße, senkrecht verlaufende Faser, die ihre Bewegungen parallel und synchron ausführen. Sie überkreuzen sich während ihrer immer heftiger werdenden Vibrationen in der Bildmitte und legen ihre fadenähnliche Erscheinung mehr und mehr ab. In der an-schließend einsetzenden Metamorphose entstehen aus den dünnen Strängen zwei breite Flächen, die sich in der gleichen Intensität über die Bildfläche bewegen. Ihre Ränder werden mit grauen, schräg verlaufenden Linien markiert. Die Flächen sind in verschiedenen Grauabstufungen sichtbar. In der Mitte dieser breiten Stränge scheint neben dem Grau auch die schwarze Hintergrundfläche durch. Diese sich heftig bewegenden Gebilde verschmelzen in der Bildmitte zu einer breiten grauen Fläche, die von gebogenen grauen Linien an beiden Seiten begrenzt wird. Im Augenblick ihrer Fusion werden die heftigen Bewegungen durch langsame ersetzt. Das neu entstandene Gebilde, dessen Grau in seiner Intensität changiert, erinnert in seiner Farbe und Form an eine Röntgenaufnahme von Arm- oder Beinknochen. Die Metamorphose wird in einer langsamen Bewegung ohne Unterbrechung fortgesetzt. Die seitlichen Linien des entstandenen Gebildes lösen sich allmählich auf, während das Areal zwischen diesen Linien zu einer gleichmäßig ausgefüllten grauen Fläche wird. Im oberen Teil der senkrechten Figur entstehen zögernd zwei parallele schwarze ovale Flecken. In diesen Flecken sind erneut die kleinen weißen schwirrenden Punkte auf dem schwarzen Hintergrund zu erkennen. Das Objekt staucht sich kontinuierlich in Richtung der senkrechten Achse zusammen. Während dieses Vorgangs entsteht für einen kurzen Augenblick das Bild eines Totenkopfes mit den dafür typischen großen (leeren) Nasen- und Augenhöhlen. Dieser Prozess der Transformation findet schließlich seinen Abschluss im Bildmittelpunkt als graublaue Computertomographie-Aufnahme eines Schädels im Koronarschnitt.
Dieser aus abstrakten Linien entstandene Schnitt durch den Kopf eines Menschen zeigt den Schädelknochen und ein Gehirn, in der die zwei schwarzen Flächen in je einer Gehirnhälfte sitzen und wie große, abnormale Löcher wirken. Sofort beginnen die zwei Öffnungen sich (im Rhythmus des gesprochenen Textes auf der Musikebene) zu bewegen. Dabei variieren sie in ihrer Größe. In der ersten Phase vollführen sie ihre Bewegungen parallel. Sie dehnen sich aus und nehmen so mehr Fläche ein. Im nächsten Bewegungsabschnitt vollziehen sie ihr Pulsieren in unterschiedlichen Intensitäten. Während die linke Fläche sich wieder ausdehnt, verkleinert sich die rechte krampfartig. Im darauf folgenden Abschnitt agieren sie wieder in ihrer Ausdehnung parallel. Am oberen rechten Rand des Schädelknochens entsteht eine Ausbuchtung, die sich an der rechten äußeren Kopfseite nach unten bewegt und schließlich auflöst. Sobald sie verschwunden ist, beginnt der Schädelknochen sich von dem Gehirn zu lösen und auf den Betrachter zu zu bewegen. Kurz bevor er aus dem Bildausschnitt heraustritt wird seine Farbintensität verringert. In der Bildmitte bleibt das bloße Gehirn mit seinen zwei schwarzen Öffnungen auf der schwarzen Hintergrundfläche in Form und Größe unverändert erhalten. Noch einmal bewegen sich die Öffnungen, bevor sich das Gebilde erst ein wenig vergrößert, um sich anschließend wieder durch eine Kamerafahrt vom Betrachter zu entfernen, was den Effekt einer Verkleinerung nach sich zieht. Während dieser Fahrt verkleinern sich die Öffnungen in kurzen Intervallen. An den äußeren Bildrändern erscheint erneut die graublaue Iris mit ihren schlängelnden Fädchen. Die Fahrt der Kamera lässt die Iris langsam in den Bildausschnitt treten. Im Zentrum des Bildes, das gleichzeitig im Zentrum der Pupille liegt, befindet sich das Gehirn, dessen schwarze Flecken sich während der andauernden Kamerafahrt insgesamt acht Mal zusammenziehen. Die Kontraktionen werden mit zunehmender Anzahl stärker und krampfartiger. Mit der achten Kontraktion verlängern sich die Fädchen der Iris plötzlich in Richtung des Gehirns im Bild-mittelpunkt. Es scheint, als „fange“ die Iris das Gehirn mit ihren langen Fädchen, die als Fangarme fungieren. Explosionsartig entfernen sich die Iris und das Gehirn aus dem Bildmittelpunkt. Es folgt ein kurzer Black.
In der Mitte der schwarzen Fläche wird kurz darauf ein Schnitt durch einen menschlichen Kopf sichtbar. Der ebenfalls aus CT-Aufnahmen bestehende Querschnitt entwickelt sich sehr schnell von einem undefinierbaren Objekt zu einem gut erkennbaren graublauen Horizontalschnitt. Diese Bewegung wird hervorgerufen durch eine Verschiebung der horizontalen Schnittebene von oben nach unten durch ein (für den Rezipienten nicht sichtbares) dreidimensionales Gebilde des Schädels, das sich aus einer Vielzahl von angefertigten CT-Aufnahmen zusammensetzt. Die als „Scrolling“ be-schreibbare Bewegung der Schnittebene nach unten und das Stoppen auf verschiedenen Ebenen ist das Grundelement dieser Sequenz. Die Verschiebung der horizontalen Schnittebene stoppt das erste Mal in einer Position, in der Schädelknochen und Gehirnmasse gut sichtbar sind. In dieser Sequenz sind Teile des Gehirns weiß eingefärbt. Graue Stellen beginnen sich zu bewegen. Sobald diese Bewegung beendet ist, verschiebt sich die Schnittebene weiter nach unten, bis die Augäpfel deutlich zu erkennen sind. Hier stoppt die Fahrt erneut. Undefinierbare Teile des Gehirns dehnen sich kurz aus und ziehen sich wieder zusammen. Die Schnittebene wandert erneut nach unten und hält auf Höhe der Nasennebenhöhlen inne. Ein schwarzer Fleck in der linken Gehirnhälfte pulsiert, kurz bevor sich der Horizontalschnitt weiter nach unten verlagert. In der nächsten Position bewegt sich ein schwarzer Fleck im rechten Bereich des Kopfes. Nach einer erneuten, sehr kurzen Verschiebung der Ebene öffnen sich in der darauf folgenden Position zwei kleine Punkte und ein kleiner dunkler Spalt in der Nase. Ein Fleck vibriert kurz in der Mitte des Kopfes, nachdem die Schnittebene in ihrer letzten Position angekommen ist. Der Kopf wird in Höhe des Rachenraumes geschnitten, was an dem sichtbar werden der Zähne und Kieferknochen abgelesen werden kann. Der Unterkiefer dehnt sich aus, bevor sich diese Sequenz in einem Black auflöst.
Im Zentrum des schwarzen Hintergrundes wird die CT-Aufnahme eines Koronarschnitts durch einen menschlichen Kopf sichtbar. Das Bild ist identisch mit dem oben beschriebenen Koronarschnitt, da auch hier je eine dunkle Öffnung in den beiden Gehirnhälften existent wird. Wie in dem zuvor analysierten Ablauf zeigt ein „Scrolling“ die verschiedenen Schichten des Gehirns. Die unsichtbare vertikale Linie unterbricht ihre kontinuierliche Fahrt aber nicht. In dieser Animation werden kurz die Ohren sichtbar. Als letztes Bild erscheint wieder das Gehirn mit den zwei schwarzen pulsierenden Öffnungen. Ein Black beendet diesen Teil.
Erneut entsteht im Bildmittelpunkt eine Animation von CT-Aufnahmen eines Kopfes im Horizontalschnitt. Jedoch wird die Fahrt der horizontalen Schnitt-ebene nicht unterbrochen. Sie durchwandert vielmehr gleichmäßig den menschlichen Kopf um am Ende in einer roten Implosion von der Bildfläche zu verschwinden. Der Videoclip endet mit dieser Einstellung.

 

3. Der Körper in „Disconnect“

Zweifellos steht im Mittelpunkt von „Disconnect“ der menschliche Körper. In unterschiedlichen Darstellungsweisen wird er als zentrales Thema im Videoclip etabliert: Zu Beginn wird ein real erscheinendes menschliches Auge sichtbar. Im weiteren Verlauf des Videos verweisen die isolierten Körperteile Iris und Gehirn auf das Innere des Menschen. In einigen abstrakten Sequenzen können Knochen oder Nervenstränge wahr-genommen werden. Die in den Clip integrierten CT-Aufnahmen fokussieren und visualisieren den menschlichen Körper und sein Inneres. Hervorgerufen werden diese Bilder des Körpers durch unterschiedliche stilistische und ästhetische Verfahren. In den folgenden Abschnitten werden diese Verfahren und die verschiedenen Darstellungsweisen näher untersucht.


3.1 Die Fragmentierung des Körpers

„Disconnect“ zeigt während seines gesamten Verlaufs an keiner Stelle einen ganzen Körper. Fragmente des Körperinneren beherrschen die Körperdarstellungen. In die Welt des „Fragmentarischen“ wird schon in einer der ersten Sequenzen eingeführt, die ein menschliches Auge von Außen zeigt. Der Körper wird als Auge in einer Detailaufnahme dargestellt. Dieser Ausschnitt zeigt den Teil eines Körpers und stellt so ein Fragment dar. Die Fragmentierung des Körpers wird hier zum ersten Mal gezeigt und setzt sich im gesamten Video fort. Alle Sequenzen zeigen entweder CT-Aufnahmen des menschlichen Gehirns, an den Körper erinnernde abstrakte Gebilde oder eindeutig erkennbare Abbildungen von Körperteilen, die aus ihrem Zusammenhang isoliert wurden.

3.1.1 Der abstrakte und gegenständliche Körper

Der fragmentierte Körper wird auf verschiedene Weisen dargestellt, welche im Folgenden beschrieben werden. Unmittelbar nach Beginn des Musikvideos wird ein Auge als Teil eines real erscheinenden menschlichen Körpers gezeigt. In der darauf folgenden Sequenz wird die Iris aus ihrem Zusammenhang isoliert. Sie bleibt aber als eine Iris des menschlichen Auges eindeutig zu erkennen. Zu dieser Möglichkeit der Darstellung real erscheinender Körperteile gesellen sich die abstrakten Sequenzen, die Motive des Körperinneren zu zeigen scheinen. Sie können als abstrakte Gebilde gesehen werden, die Assoziationen auslösen. Ein Beispiel dafür stellen die sich aus der Iris entwickelnden Fädchen dar. Sie sind nicht eindeutig als Nervenstränge oder andere körperliche Fragmente zu identifizieren, legen aber den Schluss nahe, dass es sich um abstrahierte, mit digitalen Effekten bearbeitete Fragmente des Körperinneren handeln könnte (Abb.1). Ebenso gehören die zuckenden Gebilde, die Ähnlichkeiten zu Nervensträngen aufweisen, zu dieser Kategorie der Körperdarstellung (Abb.2). Möglich wäre auch die Assoziation einer Röntgenaufnahme eines Arm- oder Beinknochens. In beiden Abbildungen wird deutlich, dass die abstrakten Objekte nicht genau identifiziert und benannt werden können, sie aber in ihrer Erscheinung als Teile des menschlichen Körpers angesehen werden dürfen.


Abb. 1 Abb. 2


3.1.2 CT-Aufnahmen

Als ein grundlegendes visuelles Element des Clips können die CT-Aufnahmen betrachtet werden, die mittels eines medizintechnischen Verfahrens den Kopf in Schichten zerlegen und so fragmentieren.


Abbildung 3 Abbildung 4

Der Kopf wird in diesen Sequenzen in zwei unterschiedlichen Schnitten gezeigt: Abbildung 3 zeigt einen Koronarschnitt, Abbildung 4 einen Horizontalschnitt durch den menschlichen Schädel. Die vorgenommenen Veränderungen an den Bildern, die großen schwarzen Flächen und die Objektbewegungen, die als Sprechen der Gehirnteile assoziiert werden können, ändern nichts an der Tatsache, dass dem Betrachter solche medizintechnischen Darstellungsweisen des menschlichen Körpers durch die mediale Verbreitung bekannt sind. Was aber in diesen CT-Aufnahmen gezeigt wird, ist nur ein abstraktes Fragment eines Körpers. Die Reduktion des Körpers in der computertomographischen Darstellung zu einem Bild und zu einer optischen und grafischen Oberfläche klammert den Menschen als Individuum aus. Er bleibt zwar Ursprung und Original der Abbildung, ist aber als Individuum im Bild nicht mehr zu erkennen. Der Körper wird in dieser Form der Abbildung artifiziell und universell.
Mit der Nutzung von CT-Aufnahmen als Found Footage wird medizinisch-wissenschaftliches Material in ein Kunstprodukt integriert und die Kopplung von Wissenschaft und Kunst, bzw. Ästhetik vollzogen. Das Video „Disconnect“ entdeckt den Körper als Material und rückt die visuelle Qualität des Körpers in den Mittelpunkt.
Die CT-Aufnahmen erinnern an das „Visible Human Project“ der „National Library of Medicine“ (USA), das 1995 veröffentlicht wurde und für Aufsehen sorgte. Für dieses Projekt wurde der zum Tode verurteilte Strafgefangene Paul Jernigan nach seiner Hinrichtung mit der Giftspritze tiefgefroren und in Gelatine eingelegt. Die Wissenschaftler des „National Library of Medicine“ schnitten den so fixierten Körper in dünne Scheiben von einem Millimeter stärke und fotografierten ihn. Es entstand ein bis zu diesem Zeitpunkt völlig neuartiger Anatomieatlas des Menschen, der aus 13.000 Bildern besteht. Im Internet sind diese Daten zu Forschungszwecken veröffentlicht und auf einigen Internetseiten, auch als CT-Aufnahmen, einsehbar.



Abbildung 5 Abbildung 6

Abbildung 5 zeigt eine Fotografie eines Schnittes durch den Kopf des „Visible Man“, wie der in Scheiben geschnittene Körper auch genannt wird, die einem Still einer CT-Aufnahme aus „Disconnect“ an die Seite gestellt ist. Während im „Visible Human Project“ der Körper real in Scheiben ge-schnitten, fotografiert und digitalisiert wurde, ist der Mensch in „Disconnect“ mittels der Computertomographie nur virtuell in Scheiben zerlegt. Das amerikanische Forschungsprojekt war auf den Tod eines Menschen angewiesen, das Video ließ den Menschen als Ausgangspunkt unversehrt. Die Darstellung des Körpers im „Visible Human Project“ korrespondiert mit der Darstellung des Körpers in „Disconnect“, obwohl es sich um unterschiedliche Techniken handelt, das Innere des Menschen zu visuali-sieren. In beiden Darstellungen menschlicher Körper wird das Individuum ausgeklammert und fragmentiert. Die technischen Verfahren reduzieren die dreidimensionalen Körper zur bildlichen Oberfläche und immaterialisieren sie.


3.2 Der fragmentierte Körper im Kontext der Musikvideogeschichte und Körpertheorien

In den CT-Aufnahmen, abstrakten oder eindeutig erkennbaren Abbildungen von isolierten Körperteilen wird das uns Bekannte entfremdet. Der Körper, beziehungsweise seine Einzelteile, werden abgelöst vom Subjekt dargestellt und erscheinen geschlechts- und identitätslos. Er bleibt während des Videos ein Neutrum, ein universeller Körper. Zeitweise wird der Körper so weit entfremdet, dass er wie ein Spiel aus Licht und auf einen visuellen Effekt reduziert erscheint. Edward George beschreibt den Körper in Kraftwerks Video „Musique Non-Stop“ (1986) als „Geometrie“ und „architektonisches“ Gebilde. Diese Begriffe können auch für „Disconnect“ herangezogen werden. Olaf Karnik beschreibt in seinem Text in Bezug auf „Musique Non-Stop“ eine „Roboterisierung des Humanen“, die auch auf „Disconnect“ angewendet werden kann. Die isolierten Körperteile existieren selbstständig und sind von einem „ganzen“ Körper unabhängig. Sie spiegeln eine Emanzipation und ein Eigenleben, die auch Robotern zugesprochen werden kann. Das von Olaf Karnik aufgegriffene „Mensch-Maschine-Konzept“ von Kraftwerk findet sich in „Disconnect“ wieder. Beide Ansätze haben die Entsubjektivierung, „Roboterisierung“ und die Auflösung des Körpers im Visier. Karnik beschreibt, welche Erklärungen es für solche Darstellungen des Körpers rund um das Millennium geben kann: „Dominanz von Körperkult und -wettbewerb, Fin-de-siècle-Apokalyptik, Genom-Entschlüsselung, plastische Chirurgie und die vermeintliche Anti-quiertheit des Körpers angesichts des transformativen Potenzials von Wissenschaft und Technik.“
Die Betrachtung des Körpers im Kontext der elektronischen Musik und der Musikvideogeschichte, wie sie hier kurz angerissen wurde, kann durch Martina Löws Blick auf den Körper ergänzt werden. Sie untersucht ihn unter dem Aspekt des „Raumes“ und geht auf die Geschichte des Körpers und der Körperwahrnehmung ein. Einleitend beschreibt Löw die künstlerische Arbeit von Cindy Sherman, die in ihren Arbeiten jede Form von „Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit“ problematisiert und die „Bruchstellen der erlebten und wahrgenommenen Körperlichkeit“ betont. Der Hinweis auf die Kunsthistorikerin Sigrid Schade, die feststellt, dass sich in experimentellen Verfahren vor allem Künstlerinnen von „Fragmentierungen“ männlicher und weiblicher Figuren faszinieren lassen und in das „Spannungsfeld zwischen ‚ganzen’ und aufgelösten Körperbildern be-geben“ , belegt die Aktualität der Körperproblematik vor allem in der bildenden Kunst. Martina Löw stellt zwei Konzepte des Körperbildes und der Körperwahrnehmung gegenüber. Beide Ansätze lassen sich als Theorien in der Geschichte der Körperwahrnehmung wieder finden, die sich über Jahrhunderte veränderte. So wechselte sich die Vorstellung von einem abgeschlossenen Körperraum, der einhergeht mit der geschlossenen Identität der Person, mit der Idee eines Körpers, dessen Grenzen sich im Austausch und der Reibung mit anderen Menschen fließend und dynamisch darstellen, ab. Grundlage dieser Diskussion ist die abendländische Denkweise des Dualismus, der den Geist vom Körper trennt. Die Theorie des „abgeschlossenen Körpers“ wird von Barbara Duden vertreten, die der Entwicklung der Medizin und dem ärztlichen Blick auf den Körper großen Anteil an den sich immer wieder verändernden Körperbildern zuschreibt. Den Höhepunkt des medizinischen Blicks stellt, so Duden, der Ultraschall dar. „Unter Lichtzwang visualisieren wir unser Inneres und lösen dabei die Haut auf.“ Sie beschreibt einen geschlossenen Körper, der durch die Auflösung der Haut dekonstruiert wird. An dieser Stelle kann an das Video „Disconnect“ angeknüpft werden. Es löst die Körpergrenzen auf und visualisiert, in den Darstellungen der CT-Aufnahmen, das Innere.
Elizabeth Grosz, die die Theorie des Körpers als instabile Kategorie vertritt, beschreibt den Körper nicht als abgeschlossenen Raum. Sie definiert seine Grenzen als flüssig und dynamisch. Den Körper versteht sie als eine „relationale Anordnung“ und „bewegte Organisation aus einzelnen Teilen“, der sich erst durch psychische und soziale Prozesse zu einer Gesamtheit konstituiert. Er bricht seine physischen Grenzen auf und stellt seine Position eines festen Körpers in Frage. Nach Grosz materialisiert sich der Körper erst im Austausch mit anderen. Dieser fortwährenden Konstruktion unter Einfluss sozialer und gesellschaftlicher Reibungen muss konsequenter-weise auch eine andauernde Dekonstruktion des Körpers an die Seite gestellt werden. Der Prozess der Konstruktion und Materialisierung kann nur entstehen durch die vorangegangene Aufgliederung des Körpers in einzelne Teile. Dieses Wechselspiel von Konstruktion und Dekonstruktion in Elizabeth Grosz’ Theorie kann mit dem Körper in „Disconnect“ in Ver-bindung gebracht werden. Im Videoclip erfährt er eine Dekonstruktion, die Ausgangsbasis einer neuen Definition des Körpers in „Disconnect“ sein kann. Erst die Aufgliederung erlaubt die Animation der einzelnen Teile, die diesen Fragmenten ein eigenständiges, neues Dasein anheftet. Sie können als innere Organe gesehen werden, die sich durch ihre Aktionen und Bewegungen zu einzelnen aktiven Körpern konstituieren.
Diese zwei Körpertheorien können mit „Disconnect“ in Verbindung gebracht werden. Die Darstellungen des Körpers als geschlossener Behälter, der durch das computertomographische Verfahren transparent wird und, vor allem im ersten Teil des Videos, ein Körper mit flüssigen, dynamischen Grenzen als „nicht geschlossener Behälter“, der sich konstruierenden und dekonstruierenden Prozessen unterwirft, existieren parallel im Video.
3.3 Die Zentrierung

Ein wesentliches stilistisches Element von „Disconnect“ ist die Zentrierung aller Aktionen in der Mitte des Bildes. Auffällig ist vor allem, dass alle Sequenzen des zweiten Teils, die durch kurze „Blacks“ voneinander getrennt sind, ihren Ursprung in der Bildmitte haben. Die „Scrollings“ der CT-Aufnahmen durch das Gehirn entstehen und enden jeweils dort. Im ersten Teil des Videos, dessen Sequenzen vorrangig durch Metamorphosen verbunden sind, kann die Zentrierung ebenfalls beobachtet werden. Als Beispiel dienen hier Stills verschiedener Sequenzen:


Abbildung 7 Abbildung 8

Sowohl die Anordnung der Fädchen mit ihrer zentralen Ausrichtung in Abbildung 7 als auch die Sequenz, in der das Gehirn von der Iris „gefangen“ wird (Abb. 8), sind Beispiele, wie die Ausrichtung auf die Bildmitte vollzogen wird. Während die Fädchen in Abbildung 7 durch ihre Anordnung in Richtung der Mitte deuten, bewegen sich im zweiten Beispiel die Iris und das fragmentierte Gehirn selbst in das Zentrum. Ein weiteres Beispiel ist auch die immer wieder in Erscheinung tretende Iris, die mit der kreisförmigen Beschaffenheit alles, was sich innerhalb des Ringes befindet, zentriert. Die Iris ist jeweils so im Bild platziert, dass der Mittelpunkt der entstehenden Pupille exakt in der Bildmitte liegt.

Abbildung 9 Abbildung 10

Wie in den Abbildungen 9 und 10 zu erkennen, ist es unwesentlich, ob sich die Iris im Auge befindet oder isoliert dargestellt wird. Als zentrierendes Element spielt sie eine wichtige Rolle. Sie ist Teil eines menschlichen Auges, das mit Hilfe der Pupille und der Linse, die von der Iris gerahmt werden, fokussiert. Linse und Pupille dienen der Schärfeneinstellung und übernehmen im Clip metaphorisch die Funktion einer Lupe. Da die Pupille selbst aufgrund ihrer geometrischen Form und biologischen Funktion ein zentrierendes Organ ist, kann sie auch als Motiv für die Zentrierung herangezogen werden, die im gesamten Video existiert. Wie ein Mikroskop beobachtet, untersucht und rückt sie den Körper und sich selbst in den Blickpunkt des Rezipienten. In Abb. 9 wird dem Betrachter das Auge von Außen als Organ gezeigt. Es dient als Fenster zum Körperinneren und fokussiert mit seinem starren Blick den Rezipienten. In der darauf folgenden Sequenz wird die Iris isoliert und der Betrachter in das Innere des Körpers versetzt. Das Auge und die Iris sind zentrale Elemente, die im Videoclip die Aufgabe der Zentrierung und Fokussierung übernehmen und dem Clip so seine ästhetische Gestalt verleihen.


3.4 Bewegung

Bewegung stellt sich im Clip in zwei unterschiedlichen Kategorien dar. Die Kamerafahrten, die metamorphen Übergänge der Sequenzen und das „Scrolling“ der CT-Aufnahmen werden der „Kamerabewegung“ unter-geordnet, die Bewegungen, die sich als Vibrieren, Zucken, Kontraktion und Pulsieren der einzelnen Körperteile darstellen, werden der „Objektbewegung“ zugeschrieben.
Die als „Kamerabewegung“ definierten Erscheinungen haben Einfluss auf den Ablauf des Videoclips. Sie sind für die Fragmentierung von großer Bedeutung, bestimmen die zeitliche Dauer der einzelnen Sequenzen und die Position des Betrachters. Die Kamerafahrt zu Beginn des Videos leitet den Zuschauer vom Inneren des Körpers nach Außen, um ihn mit einer Ausblendung wieder in das Innere zu transportieren. Das „Scrolling“ der CT-Aufnahmen rückt jeweils eine andere Schicht des Gehirns in den Blickpunkt. Die Übergänge der Sequenzen verknüpfen vor allem in der ersten Hälfte des Clips diese miteinander. Diesen Übergängen kann besondere Auf-merksamkeit gewidmet werden. Einige sind Metamorphosen, die aus einer Sequenz in einer fließenden Bewegung eine neue erschaffen. In diesen Übergängen stecken teilweise Bilder, die erst im Still zu erkennen sind, da sie sich in ihrer Bewegung dem Betrachter entziehen. Sie können weitere Interpretationsansätze liefern. Als Beispiel dient Abbildung 11.


Abbildung 11

Das Bild zeigt den Übergang der Röntgenaufnahme eines Arm- oder Beinknochens in den ersten Koronarschnitt durch den menschlichen Kopf als CT-Aufnahme. In diesem Übergang ist für einen kurzen Moment das Bild eines Totenkopfes zu erkennen, der sich aufgrund der fließenden Bewegung wieder auflöst. Der Totenkopf als Sinnbild für den Tod korrespondiert mit den Metamorphosen der Sequenzübergänge. Beide stehen für die Evolution des Menschen und verkörpern ein ständiges Wachsen, den Wandel, das Entstehen und das Vergehen.
In dem folgenden Beispiel fungiert die Kamerabewegung als wesentlicher Motor für die Fragmentierung des Körpers im Clip. In Abbildung 12 ist der erste Koronarschnitt des Kopfes in einer CT-Aufnahme zu sehen. Nach einer Weile bewegt sich der Schädelknochen als ringförmige Erscheinung auf den Betrachter zu und verlässt schließlich den Bildausschnitt. Übrig bleibt in der Bildmitte eine Abbildung des Gehirns. Diese Bewegung stellt eine Fragmentierung dar, die das Gehirn aus seinem Zusammenhang isoliert.


Abbildung 12

Innerhalb der Sequenzen findet die „Objektbewegung“ statt, die kaum Einfluss auf den Ablauf und die Übergänge im Clip hat. Die Iris, das Gehirn und die Fädchen, die sich aus der Iris entwickeln, werden in organischen Bewegungen, im Pulsieren, Zucken, Schlängeln oder einer Kontraktion, gezeigt. Teilweise führen die Fragmente körpernahe Bewegungen aus. So vollzieht die Iris eine natürliche Kontraktion. Aber auch für die Körper-fragmente fremde Bewegungen werden vollzogen. Das „Schlängeln“ der kleinen blauen Irisfädchen ist ebenso körperfremd wie die Kontraktion des Gehirns, sich ausdehnende Nasenhöhlen, pulsierende Rachenräume oder das Wandern einer Ausbuchtung an einer Kopfseite. Die Objekt-bewegungen lassen die Fragmente zu eigenständigen Organen werden. Die Bewegungen erscheinen wie ein Sprechen, das die Musikebene des Clips visualisiert. Sie erhalten so eine Aktivität, die mit der von Martina Löw erwähnten abendländischen, dualistischen Denkweise in Verbindung gebracht werden kann. „Entsprechend der für das abendländische Denken typischen Dualismen erscheint der Geist als aktiv, wohingegen Körper als passiv assoziiert werden.“ In „Disconnect“ wird den Körperausschnitten eine neue Bedeutung beigemessen. Die Fragmente fungieren durch ihre Bewegungen als aktive und eigenständige Teile des Körpers.
In den Objektbewegungen können auch große Ähnlichkeiten zu einem älteren Musikvideoclip des Künstlers gesehen werden, das im Jahr 1994 entstand.


Abbildung 13 Abbildung 14

Abbildung 14 ist ein Standfoto aus dem Musikvideoclip „Plastique“, welches Ähnlichkeiten zu „Disconnect“ aufweist. In „Plastique“ wird das Logo des Künstlers, die in Abb. 14 gezeigte Figur, in Bewegung dargestellt. Es scheint, als tanze die Figur in Zeitlupe zur Musik. Der zeitweise in Erscheinung tretenden Verlängerung der Arme, dem Verbiegen der Beine und dem Vergrößern des Kopfes mit seinen zwei Augen haftet etwas Comicähnliches an. Ein utopisches Moment, das auch in „Disconnect“ wieder gefunden werden kann. Vor allem die Vergrößerung der weißen Flächen im Kopfbereich der Figur in „Plastique“ korrespondiert mit den schwarzen Flächen im Gehirn von „Disconnect“ (Abb.13). Beide erscheinen wie Augen, die sich in ihrer Größe ändern und teilweise auch die gleichen Bewegungen vollführen. Diese Referenz zwischen den beiden Videoclips lässt den Schluss zu, dass es sich bei der Animation der schwarzen Flächen in „Disconnect“ um eine Anlehnung an das in „Plastique“ gezeigte Plastikman-Logo handelt. Stand in „Plastique“ die Animation des eigenen Logos noch im Vordergrund, wird es in „Disconnect“ durch Abstraktion und Verfremdung versteckt. Gleichwohl markiert der Künstler das Video mit seinem Logo.


4. „Disconnect“ als elektronischer Musikvideoclip

„Disconnect“ kann, aufgrund bestimmter Merkmale, in die Tradition der elektronischen Musik- bzw. Technovideos eingereiht werden. Birgit Richard und Heinz-Hermann Krüger beschreiben das Wesen solcher Clips, die sich durch das Fehlen einer narrativen Struktur, das Zeigen bloßer Oberflächen und die Verwendung digitaler Technik auszeichnen. „Die strukturellen Charakteristika der Bilder kann man mit Abstraktion, Immaterialität, Selbstreferentialität, Lichterscheinungen beschreiben. Sie zeigen Be-wegung, Dynamik, Geschwindigkeit. Alles ist im Fluß.“ Betrachtet man die in Kapitel 3.4 beschriebenen Bewegungen und die Reduktion des Körpers in den CT-Aufnahmen zu abstrakten Gebilden, so trifft die Aussage von Richard/Krüger auf „Disconnect“ zu.
Die Objektbewegungen im Clip, die auch als „Sprechen der Körperfragmente“ interpretiert werden können, visualisieren die Musikebene und versuchen, den „alten Traum einer wechselseitigen und direkten Beziehung von Sound & Vision“ wieder zu beleben. Die mit digitalen Effekten animierten und verfremdeten Körperteile werden in ihrer Bewegung dem Rhythmus der Musik angepasst. Olaf Karnik bezeichnet dies als „Slave To The Rhythm“. Die Synchronisierung von Bild und Ton, die er am Beispiel anderer, teilweise aus den 1990er Jahren stammenden Musikvideos beschreibt, kann auch auf „Disconnect“ Anwendung finden. Wie Richard/Krüger und Karnik beschreiben, arbeitet „Disconnect“ mit typischen Verfahren elektronischer Musikvideos, so dass die Einordnung als solches leicht fällt.


5. Zusammenfassung

Der Körper, der in dem Musikvideo „Disconnect“ von Plastikman im Mittelpunkt steht, wird von dem Regisseur Ali M. Demirel und Cem Gul auf unterschiedliche Arten und durch verschiedene stilistische und ästhetische Mittel visualisiert. Als besonders wichtiges formales Stilmittel ist die Fragmentierung des Körpers anzusehen. Sie ist der Ausgangspunkt für die vielseitigen Darstellungen. Die real erscheinenden Fragmente des Körpers und die abstrakten Gebilde, die an innere Körperteile des Menschen erinnern, können zusammen mit den CT-Aufnahmen, die durch ein technisches Verfahren den Körper virtuell in Scheiben schneiden und ein wesentliches Bestandteil des Videos darstellen, dem Begriff Frag-mentierung zugeordnet werden. Die Fragmentierung und die Darstellung in den CT-Aufnahmen lassen innere Teile des Körpers als optische und grafische Oberflächen erscheinen. Die artifizielle bildliche Darstellung klammert das Individuum, dessen Ursprung die CT-Bilder sind, aus. Der uns bekannte menschliche Körper wird im Video entfremdet.
„ Disconnect“ thematisiert eine Entsubjektivierung, eine „Roboterisierung des Humanen“ und eine Auflösung des Körpers. Unter dem Aspekt des Raums können mit dem Video zwei unterschiedliche Körperkonzepte verknüpft werden. Die Vorstellung, der Körpers habe feste Grenzen, lässt sich mit dem technischen Verfahren der Computertomographie in Zusammenhang bringen. Sie durchdringt die Grenzen und macht das Innere sichtbar. Das Konzept eines Körpers, dessen Grenzen flüssig und dynamisch sind und der sich in ständiger Konstruktion und Dekonstruktion befindet, kann mit der Fragmentierung im Clip in Verbindung gebracht werden. Die Dekonstruktion oder Fragmentierung des Körpers in „Disconnect“ führt zu der visuellen Konstruktion eigenständiger Körperfragmente. Die Fragmentierung ist die Basis für eine Animation und die dadurch entstehende Aktivität der gezeigten Fragmente.
Neben der Zentrierung, die mit der Iris als fokussierendes Element dargestellt wird, sind die Objekt- und Kamerabewegungen ein wichtiges Stilmittel. Die Übergänge sind fließend gestaltet und mit Metamorphosen durchsetzt. Die Objektbewegungen beinhalten das Zucken, Pulsieren und Schlängeln der einzelnen Fragmente und sind bedeutend für die Aktivität der Fragmente.
Das Fehlen einer Handlung, die fließenden Bewegungen und metamorphen Übergänge sowie die Darstellung des Körpers als abstrakte Gebilde lassen gemeinsam mit der Synchronisierung der Bewegungen auf die Musik „Disconnect“ als ein elektronisches Musikvideo charakterisieren und es in dieses Genre einordnen.

6. Literatur- und Abbildungsverzeichnis


Gast, Wolfgang: Einführung in die Begriffe und Methoden der Filmanalyse, Frankfurt am Main 1993.

http://woerterbuch.info/
zuletzt überprüft am 06.04.2005

http://www.nlm.nih.gov/research/visible/visible_human.html
zuletzt überprüft am 06.04.2005.

http://vhp.med.umich.edu/browsers/female.html
zuletzt überprüft am 06.04.2005

http://www.cs.uoregon.edu/~tomc/jquest/SushiPlugin.html
zuletzt überprüft am 06.04.2005.

Karnik, Olaf: Cunningham & Co in: Jansen, Meike / club transmediale (Hrsg.), Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik, Frankfurt am Main 2005.

Löw, Martina: Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001.

Richard, Birgit / Krüger, Heinz-Hermann: Welcome to the Warehouse. Zur Ästhetik realer und medialer Räume als Repräsentation von jugend-kulturellen Stilen der Gegenwart in: Richard, Birgit / Zaremba, Jutta (Hrsg.): Jugend Kultur Archiv, CD-Rom, (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main) Frankfurt am Main 2002.

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 5 entstammt: http://www.cs.uoregon.edu/~tomc/jquest/SushiPlugin.html
Zuletzt überprüft am 06.04.2005.