SEMINAR: CLIPPING REALITY II
DOZENTIN: PROF. DR. RICHARD
THEMA: MUSIKVIDEOANALYSE
STUDENT: THOMAS SPERBER
ABGABETERMIN: 29.09.2005

FIGHTER
Interpretin: Christina Aguilera Regie: Floria Sigismondi (2003)

Inhaltsverzeichnis

1. Semantik…………………………………………………………………….. Seite 1-5
Story
Raum/Licht
Farbe
Perspektive
Nebenfiguren
Hauptfigur
Figur 1
Figur 2
Figur 3
Sonstiges

2. Syntax………………………………………………………………………… Seite 5-12
Aktionen
Hauptfigur
Nebenfiguren
Interaktion
Hauptfigur - Nebenfiguren

3. Pragmatik……………………………………………………………………. Seite 12-15

4. Fazit…………………………………………………………………………... Seite 15-17

5. Quellen

6. Stills
Hauptfigur
Figur 1
Figur 2
Figur 3
Nebenfiguren
Sonderszene
1. Semantik

Story
Eine große Motte krabbelt hektisch flatternd über erdigen Boden.
- Schnitt -
Die Kamera zeigt die Sängerin Christina Aguilera. Sie steht in einem schmalen Glas-kasten und singt ihren Song "Fighter". Sie windet sich dabei, streckt sich, schlägt mehrfach gegen die Scheiben, bis diese zersplittern. Auf krückenähnlichen Stöcken schleppt sie sich davon und verlässt den Startpunkt.
Sie wandert durch einen düsteren Innenraum, gefolgt von drei Frauen. Auf dem Weg wandelt sich ihr Erscheinungsbild. In strahlendem Weiß erklimmt die Protagonistin eine Wand, an der sie von einer großen Menge Insekten umschwirrt wird. Wild flat-tern Motten um sie herum, bis der inbrünstige Liedvortrag der Sängerin in eine Feu-erexplosion mündet und die Motten in Flammen aufgehen.
In neuem Gewand erscheint Christina Aguilera an anderer Stelle wieder. Die Szene-rie wird rotstichig und die Wände beginnen zu beben. Die Hauptfigur posiert kämpfe-risch. Mit einem kräftigen Fußtritt zertrümmert sie letztendlich die vermeintliche Fern-sehmattscheibe des Zuschauers. Sie blickt durch den entstandenen Riss im Glass mitten in die Kamera, wendet sich dann ab und geht.
Das Video endet unter Fernsehflimmern.

Raum/Licht
Das Video spielt an verschiedenen Positionen innerhalb nur einer Räumlichkeit. Die Kulisse ist grau, karg und leblos. Hohe Betonwände grenzen sie ein. Charakteristisch sind lange labyrinthartige Gänge. Hie und da sind Stromkästen, Schächte und Lei-tungen zu sehen, was den Schluss zulässt, dass es sich um den Innenraum in einer urbanen Szenerie handelt. Es fehlen allerdings Fenster, Türen oder Treppen zu Aus-/ oder Eingängen. Nichts deutet darauf hin, dass der Raum durch Personen genutzt wird. Er wirkt verlassen, oder so als wären nur selten Menschen vor Ort.
Die Wände sind teilweise brüchig. An manchen Stellen klaffen sogar ruinenartige Löcher. Vielleicht ein Anzeichen für den Verfall des Gebäudes. An anderen Stellen wirken die Wände naturbelassen und felsig. Der Übergang zwischen den beiden Be-reichen ist fließend und wird von den Charakteren immer wieder überwunden.

Die Atmosphäre ist düster. Die graue Umgebung wird spotartig beleuchtet und zum Bildrand schwarz maskiert, wodurch die Kulisse bedrohlich im dunklen Nichts ver-schwindet. Nur wenig direktes Licht fällt durch verdeckte Öffnungen am oberen Bild-rand ein. Die kegelförmigen Spots erhellen ab und zu kleinere Bereiche im Hinter-grund des Geschehens. Die Lichtsituation lässt darauf schließen, dass man sich un-ter der Erde befindet; evtl. in einem Kellergewölbe.
Die Gesamtgestaltung wird ansonsten von schwachem, indirektem Licht dominiert. Die Figuren selbst strahlen in dieser Umgebung durch ihre extrem helle Haut auffällig kontrastreich.

Farbe
Die Farblichkeit des Videos ist akzentuiert. Es dominieren starke Hell-/Dunkel-kontraste, die die Nichtfarben Schwarz und Weiß in den Vordergrund rücken. Die Szenerie wirkt kalt, industriell und unmenschlich. Über allem liegt ein Grünfilter. In der eigentlich monochromen Coloration sticht lediglich zum Ende die Farbe Rot deut-lich hervor.

Perspektive
Gefilmt wurde aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Darstellungsweise ist perso-nengebunden und ändert sich im Verlauf der Narration.
Die Sängerin selbst wird häufig im Closeup gezeigt. Sie hält dabei den Blickkontakt zum Betrachter. Zu Beginn des Videos wird sie vermehrt aus einer extremen Vogel-perspektive gefilmt. Zum Ende hin ändert sich dieser Blickwinkel. Die Closeups wer-den weniger und Ganzkörperaufnahmen aus der Froschperspektive nehmen zu.

Bei den Nebenfiguren wird die Vogelperspektive vermieden und die Closeups kon-zentrieren sich mehr auf Detailaufnahmen als auf Porträtdarstellungen. Ein auffälli-ges Spiel mit der Tiefenschärfe und unscharfe Bildeinstellungen sind bei ihrer Dar-stellung charakteristisch.

Nebenfiguren
Als Nebenfiguren treten drei junge Frauen auf. Sie tragen Tutus, Perlenketten, Kor-sagen und Ballettschuhe: Alles in Schwarz. Ihre dunklen Haare sind hochtoupiert und verfilzt. Das ebenfalls schwarze Makeup fällt auf der extrem hellen Haut besonders auf. In ihrer Erscheinung sind sich die drei so ähnlich, dass man sie kaum auseinan-der halten kann. Individuelle Züge lassen sich kaum beobachten, zumal jede menschliche Regung, ebenso wie Mimik oder Emotion fehlt. Die Gesichter der Frau-en verschwinden meist im Halbschatten, so dass eine Unterscheidung der drei Figu-ren erschwert wird.

Öfters ruht die Kamera auf ihren Beinen, so dass man sehen kann, dass sie sich wie Balletttänzerinnen im Spitzentanz fortbewegen. Die zu erwartenden anmutigen Be-wegungen bleiben allerdings aus, da die Frauen vielmehr hin und her staksen und sich mit ihren Händen auf spitzen Stöcken mit hellem, kugelförmigem Knauf abstüt-zen. Sie bewegen sich abgehackt und mechanisch. Die brüchige Bewegungsabfolge wird durch ein spezielles Videoaufnahmeverfahren verstärkt.

Zwischen den drei Nebenfiguren findet keinerlei sprachliche Kommunikation statt. Dennoch treten sie häufig gemeinsam auf und handeln übereinstimmend.
Auffällig ist ihre ausgeprägte Gestik mit Fingern. Sie bewegen dabei alle Finger gleichzeitig nach jeder Richtung. Dieses Verhalten ist zu Beginn auch bei der Prota-gonistin kurz zu beobachten.

Hauptfigur
Als Hauptakteur tritt die Sängerin selbst auf. Sie wechselt im Laufe des Videos mehr-fach ihr Äußeres. Es lassen sich drei Typen unterscheiden:

Figur 1
Zu Beginn ist Christina Aguilera schwarz gekleidet. Sie trägt einen überlangen, seidig schimmernden Mantel, eine längs gestreifte schwarz-weiße Strumpfhose und hoch geschnürte Stiefel. Unter dem figurbetonten, hochgeschlossenen Mantel trägt sie ein glänzendes Top und eine sehr kurze ebenfalls glänzende Hose. Das Outfit ist bauch-frei. Farbige Akzente werden nur an wenigen Stellen gesetzt. Unter anderem durch das aufblitzende Innenfutter des Mantels. Es ist metallisch grün gefärbt und mit gro-ßen schwarzen Punkten gemustert.
Kontrastreich tritt die helle Haut der Sängerin in den Vordergrund. Das Makeup dar-auf ist dezent. Die Farben des zart-rosa Lippenstifts und des grün-gelben Lidschat-tens fallen kaum auf. Auch die grün lackierten Fingernägel sieht man nur bei genau-em Hinsehen. Die schwarzen langen Haare sind glatt und an den Seiten teilweise hochgesteckt. Ein unscheinbares Nasenpiercing ist zu erkennen.
Das Outfit wird im Laufe des Videos leicht variiert. Nachdem die Sängerin den Glas-kasten zerbrochen hat, ragen große, helle Stöcke mit runden Knäufen aus ihrem Rü-cken.

Figur 2
In ihrem zweiten Erscheinungsbild ist sie die Sängerin weiß gekleidet und fluores-ziert. Sie trägt ein figurbetontes, tailliertes Trägerkleid mit langer Schleppe. Es ist im Dekolletebereich freizügiger als das erste Outfitt.
Das Kleid besteht aus vielen groben weißen Streifen, die miteinander verwoben sind. Farbakzente gibt es nicht. Die weiße Haut und das Kleid gehen beinahe in einander über. Das Makeup der Sängerin besteht aus kleinen, farblosen Edelsteinen, die maskenhaft um ihre Augen geklebt sind. Die Lippen sind hell überschminkt; Ihre Haa-re schneeweiß. Sie sind kraus und wirken watteähnlich. Die Struktur ist fest, so dass sie nach oben stehen. Motten sitzen überall.

Figur 3
Das dritte Outfit ist wieder schwarz. Die Sängerin trägt ein dunkles Oberteil, das an eine schultergepolsterte, langärmliche Jacke erinnert. Auch dieses Kostüm ist femi-nin und figurbetont.
Ein hoher Rüschenkragen steht vor. Der Rock ist rot und ziemlich kurz. Er besteht aus vielen Stofffransen, die an manchen Stellen bis zu den schwarzen Stiefeln he-runterhängen. Die Haare sind schwarz und zu einer befremdlichen Steckfrisur präzi-se geformt. Sie glänzen extrem. Es ist nicht zu erkennen, ob die Schläfen rasiert sind, oder ob die Haare an dieser Stelle so schneeweiß sind wie die Haut.
Auf ihrer Stirn trägt die Sängerin eine ornamentale Zeichnung, die an ein Hennamus-ter erinnert, aber nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Die leuchtend azurblauen Augen flirren durch einen Spezialeffekt unnatürlich.

Gemeinsamkeiten/Unterschiede der drei Figuren
Obwohl Christina Aguilera im Video "Fighter" in drei Kostümen zu sehen ist und ihr Erscheinungsbild wechselt, ist durch ihr Verhalten doch jederzeit erkennbar, dass sie die ganze Zeit als der selbe, sich wandelnde Charakter auftritt. Sie stellt also nicht drei verschieden Personen dar, sondern verändert sich nur. Deutlich wird dies be-sonders dadurch, dass die Kostümwechsel zum Teil dokumentiert werden.
Alle drei Outfits haben gemein, dass sie feminin wirken. Christina Aguilera nutzt jede Gelegenheit, um körperbetont ihre weiblichen Reize zu zeigen. Während sie in ihrem ersten und dritten Outfit eher Bein zeigt, betont sie im zweiten deutlich das Dekollete.

Sonstiges
Erwähnenswert scheinen mehrere Details, die im Video zentrale Rollen einnehmen, aber deren Bedeutungsinhalt erst auf pragmatischer Ebene bestimmt werden kann: Hierzu gehört sicherlich das schwarz glänzende Obst, das zwei der drei Nebenfigu-ren auffällig posierend verspeisen.
Beachtenswert erscheinen auch die weißen Stöcke mit ihren runden Knäufen. Sie werden von den drei Nebenfiguren wie Gehstöcke benutzt. Bei der Hauptfigur ste-cken sie wie Messer im Rücken und werden später als Wurfwaffen eingesetzt, um das Kameraobjektiv zu zerschlagen.
Genauer analysiert werden sollte auch die aufwendige Art, wie sich die Hauptfigur vom ersten Erscheinungsbild ins zweite verwandelt. Ebenso wie der Übergang von Figur zwei zu Figur drei, der in seiner Art eine vollkommen eigenständige Szene bil-det, die aus dem restlichen Video hervorsticht: Es werden wild flatternde Motte ge-zeigt, die überblendet werden mit dem blinzelnden Augenaufschlag der grell ge-schminkten Sängerin.


2. Syntax

Aktionen: Hauptfigur
Das Handeln der Hauptfigur ändert sich mit ihrem Erscheinungsbild. Alle drei be-schriebenen Typen werden durch unterschiedliche Handlungsmuster charakterisiert.

Figur 1
Zu Beginn des Videos befindet sich die Sängerin noch in einem engen Glaskasten. Wie beschrieben schlägt sie gegen die Scheiben, bis diese zerspringen und sie hin-aus kann. Ihr Mantel bläht sich dabei immer wieder auf und presst sie gegen die Scheiben, als wäre er ein Teil ihres Körpers, der sich mit aufbäumt. In hitzigen Wel-len treibt er nach oben und verdeutlicht die Enge des Raumes und den inneren Druck der Figur. Alles spricht dafür, dass sie gegen ihren Willen festgehalten wird und der Zustand unerträglich ist. Sonst wäre der Kampf gegen die gläsernen Schei-ben sicherlich nicht so erbittert.
Wer sie in diese Lage gebracht hat, wird nicht eindeutig geklärt.

Das Handeln der Figur ist auf jeden Fall darauf ausgerichtet, sich zu befreien. Das gläserne Gefängnis bietet dabei viel Widerstand. Erst mehrmaliges Schlagen bringt es nach Sprüngen im Glas zum Zerbersten.
Interessanterweise zerschlägt die Figur nicht nur eine Scheibe des Glaskastens um zu entkommen, sondern gleich drei nacheinander. In Zeitlupe ist zu sehen, wie die Scheiben explosionsartig in tausend kleine Stücke zerspringen. Eine Interpretations-möglichkeit besteht darin, dass mit dem mehrfachen Zerschlagen verdeutlicht wer-den soll, wie groß der Wunsch nach Befreiung war. Anders könnte man aber auch deuten, dass damit auf die große Kraft der Figur verwiesen werden soll. Sie kann eben nicht nur eine Scheibe zerbrechen, sondern viele. Ihr Entkommen ist also kein Glücksfall, sondern Zeichen dafür, dass sie sich potent von den Fesseln löst.

Allerdings ist das Zerbrechen des gläsernen Gefängnisses nicht das Ende des Be-freiungsaktes. Die Figur bleibt nämlich nicht stehen, sondern flieht ferner durch die Gänge der Szenerie, was dafür spricht, dass sie weiterhin bedroht ist und sich auf feindlichem Boden befindet.
Eine Alternation ihres Outfits macht diese Bedrohung deutlich: Übergroße spitze Stö-cke stecken im Rücken der Sängerin nach dem sie den Käfig verlassen hat. Sie las-sen nur eine gebückte Haltung zu. Geschwächt muss sie sich mühsam durch die Gänge schleppen. Sie kommt nur langsam und unter großem Kraftaufwand voran.

Verständlich, dass sich die Protagonistin versucht, von den Stöcken zu befreien. Eigenständig greift sie danach und zieht sie aus ihrem Rücken heraus. Interessan-terweise wirft sie sie danach ähnlich wie beim Messerwerfen in Rotationsbewegung weg und zerschmettert damit die Mattscheibe. Unklar bleibt, gegen wen sich diese Aggression richtet. Geht die Protagonistin damit bewusst gegen den Zuschauer hin-ter der Mattscheibe vor, oder handelte es sich nur um einen Fehlwurf, der in der Hit-ze des Gefechts eben dort landet?
Deutlich wird in jedem Fall, dass die Stöcke als Waffen dienen können. Sie haben Zerstörungspotenzial. Die Protagonistin nutzt diese Waffen, die ihr Unbekannte in den Rücken getrieben haben, für den eigenen Kampf: Ein großer Schritt aus der Op-ferrolle hinaus!

Figur 2
Figur 2 geht aus Figur 1 hervor. In einer aufwendig computeranimierten Verwand-lungsszene entschwebt der schwarze Stoff, den die erste Figur trug und offenbart Figur Nummer 2.
Sie ist deutlich selbstbewusster und unabhängiger. In aufrechter Haltung schreitet sie beinahe majestätisch mit einer langen Schleppe durch das unterirdische Labyrinth. Sie fürchtet keinen Widersacher. Trotz ihres auffällig Äußeren erklimmt sie eine Wand und bleibt dort gut sichtbar für alle hängen. Sie strahlt in der düsteren Umge-bung leuchtend weiß. Nichts erinnert mehr an die schmerzhaften, qualvollen Erfah-rungen, die sie in ihrer vorherigen Verkleidung gemacht hat. Auch die kämpferisch aggressiven Gesten fehlen.
Diese Figur flieht nicht, sondern sie stellt sich. Sie wird vom Gejagten zum Jäger, denn sie dreht den Spieß um: An der exponierten Position lockt sie bewusst die In-sekten an. Mit Hilfe ihres strahlenden Wesens zieht sie die Motten wie eine Lichtquel-le zu sich, um sie dann in einer Feuerexplosion zu vernichten. Als Lockmittel nutzt sie zusätzlich ihre weiblichen Reize.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Figuren trägt die Sängerin in dieser Rolle be-merkenswerter Weise keine Stiefel und kurze Hosen, sondern ein aufreizendes Kleid. Ein Träger ist bereits heruntergerutscht. Das Dekolletee ist hoch geschnürt und deut-lich betont. Offenarmig gestikuliert sie hinzu, so als wolle sie jemanden willkommen heißen. In Verbindung mit dem inbrünstigen Gesang wirkt der lockende Auftritt in griechisch mythologischem Sinn sirenenhaft.
Betont man die römische Mythologie, so könnte man mit Verweis auf die Liebesgöttin anderes auch interpretieren, dass die aufreizende Sängerin hier im doppelten Wort-sinn eine Venus-Fliegenfalle verkörpert.
Die erotische Komponente bleibt in beiden Fällen erkennbar.


Deutlich wird anhand der letztendlich zerstörerischen Szene, dass die zweite Figur eine übernatürliche Stärke entwickelt hat. Sie ist stark, kann sich zur Wehr setzen und benötigt dazu keine materiellen Waffen. Neben ihrer Anziehungskraft bringt sie mit ihrer inbrünstigen Leidenschaft eine Energie hervor, die alles um sie herum ver-nichten kann.

Figur 3
Figur 3 gibt sich wesentlich kämpferischer und aggressiver als die beiden Vorgänger. Sie ballt häufig die Fäuste, schlägt gegen die Wand oder setzt Tritte. Meistens wird sie aus der Froschperspektive gefilmt, so dass ihre Statur wächst und den kleiner wirkenden Raum zunehmend einnimmt.

Ihr Handeln hat Folgen. Wenn sie gegen die Wände schlägt, rinnt schwarze Flüssig-keit herab, so als blute das Gestein, oder sie wegen der Wucht des Aufpralls. Die Wände beben und es kommt zu heftigen Erschütterungen. Hie und da fallen kleinere Brocken von der Decke, so als stürze das Gemäuer bald ein und gebe seine Gefan-gene frei. Die Macht der Figur scheint all dies zu bewirken. Zumindest ist keine ande-re Kraftquelle zu erkennen. Die Erschütterungen folgen auf das Handeln der Sänge-rin. Hinter ihr ist ein grelles Licht, das den Betrachter blendet.
Die eigentlich monochrome Coloration wird jetzt durch die Farbe Rot gebrochen: Die Sängerin selbst trägt Rot, der untere Bildrand ist rot und das Gesamtbild flammt in Rot immer wieder auf. Die hitzige Energie geht von der Protagonistin selbst aus. Der reduzierte Farbeinsatz lässt die Vermutung aufkommen, dass auf eine symbolische Aussage abgezielt wurde. Die Bedeutung der Farbe Rot in der expressiven Farblehre wurde von Johannes Itten folgendermaßen beschrieben: Seine mächtige, unwider-stehliche Strahlkraft lässt sich nicht leicht unterdrücken (…) Durch richtige Kontrastie-rung wird Rotorange zum Ausdruck fiebriger, kämpferischer Leidenschaft.1 (Itten, S. 86) Ittens Farbanalyse passt zum Charakter des Videos. Der kämpferische Ausdruck lässt sich auch in Christina Aguileras Auftreten verfolgen:
In der Sängerin ist ein Feuer entfacht. Sie brennt vor Leidenschaft und geht expres-siv mit diesem Gefühl um. In ihrer dritten Gestalt trägt sie diese Emotion nach außen und lässt sich nicht zurückhalten. Wer dieser bebenden Naturgewalt, entgegen tritt, muss mit Zerstörung rechnen, so wie bereits die Insekten, die in Flammen aufgingen.
Rot wird nach Itten dem Planeten Mars zugeordnet und ist somit der brennenden Kriegs- und Dämonenwelt verhaftet. Diese kriegerische Zerstörungskraft ist bei Christina Aguilera am Ende so groß, dass es ihr sogar gelingt, die Mattscheibe zu zerschlagen, die sie in ihrer ersten Gestalt nur beschädigen konnte. Ein gezielter Tritt durchstößt letztendlich das Glas, woraufhin das Bilder unter Flimmern wegbricht.
Die Sängerin gibt sich selbstbewusst: Sie geht an das entstandene Loch heran und schaut hindurch. Ihr fehlt nicht der Mut, dem Feind in die Augen zu blicken. Siegessi-cher verlässt sie dann den Schauplatz, bevor das Bild zusammenbricht. Hier ist nichts mehr übrig von der schwachen Figur 1, die sich auf Krücken durch die Gänge schleppte. Auch mit Figur 2 hat sie wenig gemein, weil sie keine Verführungskünste mehr braucht, um ihre Widersacher auszuschalten. Figur 3 ist stark genug, um in der direkten Konfrontation den Kampf für sich zu entscheiden.

Der Charakter Christina Aguilera ist im Laufe des Videos durch drei Stadien gegan-gen. Sein Wandel zeichnet sich in Figur 3 am deutlichsten ab. Rituell anmutende Or-namente auf der Stirn und die azurblau flirrende Augen machen deutlich, dass hier eine sichtbare Veränderung vonstatten gegangen ist, deren Spuren über einen Klei-derwechsel hinausgehen. Die Zeichen des Wandels sind mit dem Mal auf der Stirn unauslöschlich in die Haut tätowiert und auf Dauer verinnerlicht, wie das geheimnis-volle Flirren der Augen deutlich macht. Die Figur geht als neues Wesen aus der Er-fahrung hervor. Sie wirkt befremdlich; nicht zuletzt auch durch ihre seltsame artifiziel-le Frisur.

Aktionen: Nebenfiguren
Das Handeln der drei Nebenfiguren bleibt größtenteils mysteriös und unverständlich. Zu Beginn taumeln sie in einem abgehackten Spitzentanz scheinbar ziellos auf der Stelle. Dabei gestikulieren sie wie bereits beschrieben aufwendig mit den Fingern. Ihr Verhalten hat keine direkte Konsequenz, so dass es beliebig wirkt.
Nur über Spekulationen kann geklärt werden, warum sie plötzlich schwarz glänzen-des Obst essen. Sie kommunizieren nicht miteinander und zeigen auch sonst keiner-lei Mimik oder Emotion. Es bleibt ein verstörender Eindruck.
Das Handeln der drei Frauen lässt sich nicht einordnen. Erst im Laufe des Videos wird deutlich, dass sie der Hauptfigur folgen, was zum ersten Mal Sinn in ihre Hand-lung bringt. Als Figur 1 sich z.B. durch die Gänge schleppt folgen sie ihr. Und als sie später vor der Kamera steht und ihr Lied vorträgt, stehen die drei ein wenig entfernt im Hintergrund. Sie schauen ihr zu und in mehreren Momenten nach. In einer Szene rammen sie ihre Stäbe aggressiv in den Boden; Wenig später wirft die Protagonistin ihre Stöcke als Wurfgeschosse ab. Bezüge sind zu erkennen.
Fragwürdig bleibt, wie sie zur Hauptperson stehen bzw. warum sie ihr folgen.

Interaktion: Hauptfigur - Nebenfiguren
Die Beziehung zwischen der Hauptfigur und den drei Nebenfiguren wird sehr subtil gestaltet und nicht eindeutig geklärt. Zu Beginn ist eine deutliche räumliche Trennung zu beobachten. Die Hauptfigur wird niemals zusammen mit den Nebenfiguren ge-zeigt. Zudem wird sie anders gefilmt, so dass man als Betrachter fast von einer Pa-rallelhandlung im Video mit unterschiedlichen Figuren ausgehen muss. Später wird dieser Eindruck mit einer Überblendung revidiert. Die Grenze zwischen den beiden Handlungsfeldern der Figuren wird aufgehoben. Zentral hierfür ist folgende Szene:
Zu sehen ist die Sängerin in ihrem ersten Outfit, wie sie sich noch in dem Glasge-fängnis windet. Im Hintergrund erscheint übergroß eine der Nebenfiguren, die wie bereits beschrieben, auffällig mit ihren Fingern gestikuliert.

Im ersten Moment erscheint es so, als würde sie wie ein Marionettenspieler an den Fäden der Hauptfigur ziehen. Bei genauerem Hinsehen lässt sich aber beobachten, dass die Hauptfigur an die Scheiben gepresst zurückgestikuliert. Es sieht fast so aus, als kommunizierten die beiden auf diese Weise. Eine Botschaft ist allerdings nicht zu entschlüsseln, da auf die Kommunikation keine direkte Handlung folgt.
Es lässt sich vorab nur schlussfolgern, dass beide Kenntnis von einander haben und in gewisser Weise in Interaktion treten. Offen bleibt, wie die Figuren zu einander ste-hen.

Bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang die Verteilung der Größen-verhältnisse, da die Diskrepanz erstaunlich ist. Während der Oberkörper der Neben-figur in besagter Szene fast den ganzen Raum einnimmt, erscheint die Hauptfigur winzig klein. Eine einschüchternde Vorstellung, bedenkt man zudem, dass die Ne-benfiguren zu dritt sind und somit in der Überzahl.
Das Größenverhältnis könnte ein Anzeichen für die Machtverteilung innerhalb der Beziehung sein. Die Beobachtung scheint nicht unwichtig zu sein, da sich im Laufe des Videos die Größenverhältnisse schrittweise ändern.
Zu Beginn sind die Nebenfiguren übergroß, während die Hauptfigur winzig klein er-scheint. Auf der Flucht wächst die Hauptfigur dann unter ihrem aufbauschenden Mantel; die Nebenfiguren werden hingegen beim Marschieren durch die Gänge auf normale Körpergröße reduziert. Zum Ende hin weichen sie der immer dominanter werdende Hauptfigur schließlich, indem sie rückwärts in den Hintergrund schreiten und stetig kleiner werden, bis sie dort beinahe unbemerkt verschwinden. Das Grö-ßenverhältnis dreht sich also um!
Die Beziehung zwischen der Hauptfigur und den Nebenfiguren scheint ein zentrales Thema des Videos zu sein. Der Wandel dieses Verhältnisses bestimmt die Narration.
Wie die Veränderung der Machtverteilung zustande kommt wird interessanterweise nicht thematisiert. Eine direkte Auseinandersetzung der Figuren fehlt.

Dennoch verbindet die Protagonistin ein zentrales Symbol mit den schwarz gekleide-ten Tänzerinnen: Die weißen Stöcke.
Sie tauchen sowohl bei der Hauptfigur, als auch bei den Nebenfiguren auf. Die drei Frauen nutzen sie zunächst als Gehilfe. Später heben sie sie in einer rituell anmu-tenden Zeremonie unter Blitzlicht empor und rammen sie in aggressiver Weise ge-waltsam in den Boden.
Ähnliche Stöcke tauchen bei der Sängerin selbst auch auf. Sie stecken in ihrem auf-geplusterten Mantel, wie riesige Stecknadeln in einem Nadelkissen oder wie Messer in ihrem Rücken. Sie führen wie beschrieben dazu, dass sich die Hauptfigur nur noch entkräftet durch die Gänge schleppen kann und stellen somit ein Hindernis dar. Ihre Rolle als Waffe wird deutlich, weil sie von der Protagonistin selbst im Verlauf als sol-che genutzt werden.

Sowohl die Hauptfigur, als auch die Nebenfiguren nutzen die Stöcke also in aggres-siver Weise. Allerdings kämpfen sie dabei niemals miteinander und auch nicht ge-geneinander. Die Sängerin selbst attackiert mit ihren Stöcken den Zuschauer hinter dem Kameraobjektiv, indem sie eben solches mehrfach zerschlägt. Die drei Nebenfi-guren stehen dabei hinter ihr; also weit außerhalb der Schussbahn. Sie sind offen-sichtlich nicht das Ziel ihrer Attacke. Vielmehr stehen sie als unbeteiligte Beobachter im Hintergrund. Warum die Nebenfiguren ihrerseits die Stöcke in den Boden rammen bleibt unklar, da auf ihre Aktion keine Reaktion folgt.


3. Pragmatik

Interpretation
Zur Interpretation ziehe ich eine Schlüsselszene heran, die wegen ihrer Komplexität bisher ausgeklammert wurde. Die gemeinte Sequenz findet statt während Figur 2 an der Wand hängt und endet mit der Feuerexplosion. Zu sehen sind die Augen der Sängerin im Closeup. Wild blinzelt sie mit den bunt geschminkten Lidern, während immer wieder flatternde Motten übergeblendet werden.
Aus verschiedenen Gründen fällt die Sequenz aus dem Gesamtvideo heraus und gewinnt dadurch an Bedeutung. Eine genaue Analyse lohnt sich, da sich Bezüge of-fenbaren, die von hoher Aussagekraft für das Gesamtvideo sind.
Besonderheiten der Szene:

1. Sie spielt nicht im Kellergewölbe, sondern vor einem undefinierten schwarzen Hintergrund.
2. Sie besticht durch eine deutliche Farbigkeit, die dem restlichen Video ansons-ten fehlt.
3. Zu sehen sind nicht die bereits bekannten handelnden Figuren, sondern nur die blinzelnden Augen der Sängerin und die flatternden Motten.

Die Darstellungsweise innerhalb der Sequenz ist sehr raffiniert. Durch geschickte bildliche Überlagerungen werden Ähnlichkeiten zwischen den Augenlidern und den Mottenflügeln herausgearbeitet. Die hochfrequenten Wimpernschläge der Sängerin erinnern an den hektischen Flügelschlag der Motten. Durch Überblendungen der beiden entsteht eine visuelle Symbiose.
Hinzu kommt, dass die Augen niemals paarweise gezeigt werden, sondern immer nur einzeln, so dass der Bezug zum menschlichen Gesicht verloren geht. An man-chen Stellen verlieren sie sogar vollkommen ihren Halt in der humanoiden Anatomie, weil das zugehörige Gesicht schwarz geschminkt wurde und mit dem dunklen Hin-tergrund verschwimmt.
Zusätzlich verfremdend wirkt das aufwendige Makeup, die überlangen Wimpern und ein Spezialeffekt auf der sich weitenden Iris.

Deutlich wird, dass diese Augen nichts Menschliches haben, sondern viel mehr den Insekten ähneln. Bei genauem Hinsehen scheint es so, als sei Christina Aguilera selbst eine Motte. Für diese Interpretation spricht auch ein Zitat der Regisseurin:
I found out in old mythology they (moths) are supposed to represent the soul. I think that's very appropriate. 2
Die Motte ist also ein Symbol für die Seele des Menschen. Aus dieser Interpretation ergibt sich für das Video eine bereichernde Deutungsebene. Viele Lücken lassen sich schließen.

Die Motte, die zu Beginn des Videos auf dem Boden krabbelt ist, Christina Aguilera. Als Figur 1 erinnert ihr Erscheinungsbild auch deutlich an ein Insekt. Ihr Mantel bläht sich auf und verschleiert dabei ihre menschliche Gestalt. Es sieht fast so aus, als wäre er ein übergroßer Teil ihres Körpers. Er erinnert an den Hinterleib einer Ameise oder Spinne. Dabei glänzt er seidig wie der Chitinpanzer eines Käfers. Das sonder-bare Innenfutter schimmert grün und ist schwarz gepunktet. Auch das erinnert an Maserungen, die aus dem entomologischen Bereich bekannt sind. Die düstere, un-terirdische Umgebung passt zum Lebensraum des nachtaktiven Insekts.
Verständlich wird nun auch weswegen die Sängerin in einem Glaskasten gefangen gehalten wird und nicht in einem Käfig mit Gitterstäben, wie es für Menschen zu er-warten wäre: Motten werden in gläsernen Insektenkästen archiviert, damit ihre Sammler sie jederzeit besichtigen können. Üblicherweise wird das Exponat dazu mit Nadeln fixiert.
Das Motiv der Insektennadeln findet sich auch im Video wieder. Nachdem die Sänge-rin aus dem Insektenkasten entkommen ist, stecken ihr die weißen Stöcke mit run-den Knäufen im Rücken und behindern ihren Gang. Zuvor hatte ich diese Stäbe als Messer interpretiert. Angesichts der neuen Interpretationsebene und ihrer Ähnlichkeit zu tatsächlichen Stecknadeln revidiere ich diese Aussage. Christina Aguilera selbst sagte in einem Interview über die Fixiernadeln:
Die Nadeln stehen für all mein Leid und deshalb reiß ich sie raus und schmeiß sie gegen die Kamera. 3
Thema des Videos ist also wie vermutet die Befreiung. Dargestellt wird der Akt der Loslösung, der sich in einem metamorphosischen Wandel manifestiert.
Dieser wird beim Übergang der ersten zur zweiten Figur besonders deutlich. Die auf-fällige Computeranimation zeigt, wie sich das schwarze Kostüm abhebt und wegge-weht wird. Die Figur häutet sich praktisch und zum Vorschein kommt die schneewei-ße, neugeborene Figur 2. Der aufgeblähte schwarze Mantel, unter dem es zuvor so brodelte, bringt also etwas Neues zum Vorschein. Er reißt auf, verändert dabei seine Struktur und wird am Boden sogar flüssig, so dass die Metamorphose des Charak-ters nicht zuletzt auch durch einen Wandel der Aggregatzustände verdeutlicht wird. Christina Aguilera sagt selbst über ihre Emanzipation:
Ich bin aus meinem Kokon geschlüpft und hab mich von allem, was mich verletzt - also aus meinem Gefängnis – befreit. Ich bin jetzt frei, kraftvoll und stark! 3
Der besagte Kokon findet sich bei Figur 2 wieder, die sich an der Wand des Keller-gewölbes einnistet. Die Struktur ihrer Haare und auch das aus weißen Streifen be-stehende Kleid erinnern an das gesponnene Material eines Insektenkokons.
Das Ausbrechen aus diesem Kokon, der eigentlich große Wachstumsschritt wird meiner Meinung nach in der Schlüsselszene mit den blinzelnden Augenlidern darge-stellt. Hier erwacht die Sängerin mit dem Öffnen der Augen buchstäblich zu neuem Leben. In die triste Umgebung kommt Farbe. Die Feuerexplosion könnte der energe-tische Impuls des Ausbrechens aus dem Kokon sein. Feuer, das ja nicht nur für E-nergie steht, könnte in diesem Zusammenhang auch noch einmal eine reinigende Wirkung haben. Wie der Phönix aus der Asche steigt Christina Aguilera wie im Zitat besagt am Ende als dritte Figur kraftvoll empor.

Und auch die dritte Figur hat etwas Insektenhaftes. Auch sie trägt nämlich einen Rock, der aus den kokonähnlichen Streifen besteht. Als sie gegen die Wand schlägt rinnt schwarze Flüssigkeit herab, die an Blut erinnert, aber wegen ihrer Farbe kein menschliches sein kann.
Das groß dargestellte Ornament auf ihrer Stirn könnte ein Zeichen sein, wie man es auf dem Rücken giftiger Insekten häufig vorfindet; So z.B. bei der Kreuzspinne. Es dient als Signal dafür, dass dieses Insekt giftig ist und sich somit wehren kann. Fein-de sollen durch diese Warnung frühzeitig abgeschreckt werden.


Fragwürdig bleibt auch in diesem Interpretationsschema bis zu guter letzt, welche Rolle die drei Nebenfiguren im Gesamtzusammenhang spielen. Sind sie auch Insek-ten, oder sind sie Menschen, die Insekten sammeln. Sind sie also Mit-Leidende oder Täter? Für beide Positionen gibt es Anzeichen:
Einerseits observieren die drei Frauen zu Beginn übergroß die Figur 1 im Insekten-kasten, so als hätten sie ihr Spielobjekt darin gefangen. Andererseits bieten sich ih-nen zahlreiche Gelegenheiten, um die Hauptfigur auf der Flucht zu hindern; sie nut-zen sie aber nicht!
Die Rolle der drei schwarz gekleideten Frauen bleibt somit rätselhaft.

Recherchen zur Regisseurin Floria Sigismondi führen mich zu dem Schluss, dass ein verstörender Eindruck beabsichtigt ist. Sigismondi ist bekannt für ihre Videos zu Ma-rilyn Mansons "Beautiful people", David Bowies "Little Wonder" und Filters "Can you trip like I do?". Sie bevorzugt dunkle, erschreckende, fast schaurige Bilderwelten, die den Betrachter abstoßen und gleichzeitig anziehen. Auch in ihren Arbeiten als Foto-grafin tauchen rätselhafte, kränklich wirkende Figuren auf, die den drei Nebenfiguren aus "Fighter" ähneln.

Fazit
In einem abschließenden Fazit möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, weswegen die Sängerin Christina Aguilera diese Art der Visualisierung zur Reprä-sentation ihres Songs gewählt hat. Warum stellt sie sich als eine Motte dar? Die Re-gisseurin selbst begründet die Entscheidung folgendermaßen:
The song is sort of about transformation, so I took that in a nature kind of way, the way nature deals with transformation. It's basically about coming from a very poi-soned place to an empowerment, a place of strength. 2
Diese Begründung liefert sicherlich einen ersten Anhaltspunkt, kann aber die Motiv-wahl der Sängerin nicht vollkommen klären. Um eine Metamorphose darzustellen, hätte man sich auch anderer Symbole bedienen können. Da Christina Aguilera dem Popgenre entstammt, wäre die Ansicht eines lieblichen Schmetterlings gegenüber einer unansehnlichen Motte sicherlich naheliegender gewesen. Das zerbrechliche Wesen hätte genauso gut durch die unterirdischen Katakomben fliehen können wie die Motten. Der entomologische Bezug, auch mit den Insektennadeln, wäre erhalten geblieben. Das Bild hätte sogar den Vorteil gehabt, dass die Sängerin am Ende prachtvoll, wie der Phönix aus der Asche, schillernd und wunderschön aus all dem Leid hervorgehen hätte können.
Aber nein, stattdessen bedient sie sich einer anderen Figur; der Motte.

Welch seltsame Wahl, sich als Motte darzustellen. Motten sind Schädlinge. Sie sind nachtaktiv, unansehnlich und werden von den Menschen bekämpft. Sie sind Schat-tenwesen, die nichts Liebliches an sich haben. Meyers Enzyklopädisches Lexikon definiert Motten folgendermaßen:
Motten, mit rund 2000 Arten weltweit verbreitete Familie bis 2,5 cm spannender Kleinschmetterlinge. (…) Viele Arten werden schädlich durch Fraß an Filz, Pelzen und Wollstoffen.4 ( Meyer, S. 547) Direkt auf die Definition folgt der Begriff "Motten-bekämpfung".

Christina Aguilera schlüpft in diese negativ besetzte Rolle und macht sich auf diese Weise zur Antiheldin bzw. zum Underdog. Sie spielt im Video zwar die Protagonistin, der im Laufe des Martyriums die Sympathie des Zuschauers gehört, wirkt dabei aber teilweise abstoßend und richtet sich letztendlich sogar gegen den Zuschauer. Ihr Äu-ßeres ist befremdlich und ihr Gebärden bedrohlich bis aggressiv. Sie stellt eine Kämpferin dar, wie es der Titel des Liedes besagt, die sich dickköpfig gegen alle Wi-dersacher zur Wehr setzt.
Vielleicht lässt sich ihre Motivwahl ja aber gerade damit begründen, dass sie nicht als zerbrechlicher Schmetterling dargestellt werden wollte, der zum Everybody´s Darling mutiert, sondern als robusteres Pendant, das sich vom Einfluss anderer vollkommen befreien kann.

Christina Aguilera selbst sagt über die Aussage des Videos:
I think it (the video) is very self-empowering for any female and I'll be working with a female director, so I'm very, very excited. 5
Ich persönlich bin an dieser Stelle nicht sonderlich aufgeregt. Wenngleich das Video ein Stückweit die künstlerische und vielleicht auch persönliche Emanzipation der Sängerin dokumentiert, so fehlt der Visualisierung meiner Meinung nach dennoch eine wesentliche Komponente, um es zum Manifest weiblicher Befreiung zu machen: Nämlich der Mann.
Die Akteure des Videos sind ausnahmslos weiblich. Ein Sieg über eine vermeintliche männliche Unterdrückung kann auf diese Weise nicht deutlich werden. Die Ausei-nandersetzung der Geschlechter fehlt ja völlig!
Klar wird letztendlich nur, dass sich die Sängerin von jeder Art der Konformität los-sagt. Der Titel "Fighter" ist Programm, auch wenn die Gegner der Sängerin nicht of-fen erkennbar sind. Dem Zuschauer bleibt nur der schale Beigeschmack und die wa-ge Vermutung, dass sich die Künstlerin mit ihrem Video auch ein Stück weit gegen die mediale Stigmatisierung ihrer Person richtet und somit er selbst Adressat der Kampfansage ist. Schließlich sind es ja die Zuschauer hinter der umkämpften Matt-scheibe, und die Fans die nach Berichterstattung, Beobachtung und Verfolgung der Stars lechzen. Sie sind es, die letztendlich die Nachfrage des Marktes aufrechterhal-ten und von der Presse eine anschauliche Präsentation ihrer Lieblinge verlangen. Das Privatleben der Prominenz wird dabei filetiert und zum Konsum fein säuberlich auf Tellerchen serviert. Die Analogie, dass sich die Sängerin Christina Aguilera wie eine aufgespießte Motte im Schaukasten fühlt, ist unter diesem Gesichtspunkt ver-ständlich.
Paradox bleibt allerdings, dass sie die Darstellung eben jenes Sachverhaltes nutzt, um ihre Musik zu vermarkten. An dieser Stelle verliert ihr Befreiungsschrei an Glaubwürdigkeit und die Kampfansage eines vermeintlichen Freigeistes an Authenti-zität.


Quellen
1 Itten, Johannes: Gekürzte Studienausgabe von Kunst der Farbe, Ravensburger
Buchverlag Otto Maier GmbH, 1987
2 http://www.mtv.com/news/articles/1470505/20030313/story.jhtml
3 http://www.christina.de/content/news.html
4 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bibliografisches Institut AG, Mannheim 1976,
Korrigierter Nachdruck 1980
5 http://www.mtv.com/news/articles/1470408/03062003/aguilera_christina.jhtml