3.1 Madonna: „Die Another Day“(2002)


Der Videoclip "Die Another Day" wurde im September 2002 in Los Angeles von dem Regisseur Team „Traktor“ gedreht. Es handelt sich um ein komplexes Arrangement von Bildebenen und Einzelbildern, in dem nichts dem Zufall überlassen worden ist. Ganz im Gegensatz zur landläufigen Meinung über den Musikvideoclip, die davon ausgeht, dass hier Dichte nicht existiere, ist ein ironisch collagierendes Beispiel mit extrem komprimierten Bildinformationen zu sehen. Im Einzelbild findet eine Staffelung und Akkumulation von Details statt.
Das Musikvideo ist ein quasi neuer James Bond Film mit Madonna in der Hauptrolle, kein konventioneller Titelsong oder Trailer. Madonna ist im Clip der weibliche Bond, gleichzeitig agiert sie als ihre weibliche Mit- und Gegenspielerin. Bond alias Pierce Brosnan erscheint nur kurz auf einem Gemälde. Der Clip setzt sich aus zwei miteinander verschränkten und gegeneinander geschnittenen Ebenen zusammen, die beide im Kern aus dem letzten James Bond Film abgeleitet sind: Dem finsteren Folterkeller und Exekutionsraum der "Nordkoreaner" und dem Rittersaal, in dem Madonna im Film als Fechterin auftritt und seiner optisch dynamischen Verlängerung, dem Museumssaal. Der Clip folgt auf einer Ebene der düsteren Ästhetik des Films, ist in Grün-Grau-Blau-Tönen gehalten und inszeniert Madonna in kämpferischer Hässlichkeit analog zu James Bond, der zum ersten Mal in der Bond Geschichte ungepflegt und entstellt von der Folter gezeigt wird. Die andere Ebene ist sowohl vom Setting als auch von Madonnas Outfit her durchgestylt und durch die Farben Schwarz, Weiss und Rot bestimmt.
Das Video beginnt mit einer Aufsicht auf einen finsteren Verhörraum mit grellem Neonlicht, einem Tisch, Stühlen und Männern in Uniformen. Madonna wird von Militärwachen durch einen Gang geschleift. Sie trägt ein grau-beiges Muskelshirt und eine schwarze Hose mit Gürtel. Die Wachen zerren die heftig Widerstrebende zum Tisch, zwingen sie auf den Stuhl, ihre ausgebreiteten Armen und den Kopf auf die Tischplatte. Ein Close-up zeigt ihre muskulösen Oberarme mit einem hebräischen Tattoo, das übersetzt „Love“ bedeutet. Die Besonderheit ist, dass es aus den hebräischen Einzelbuchstaben zusammengesetzt, aber nicht das eigentlich hebräische Wort für Liebe ist, ein besonders provokativer Eingriff von Madonna in Anspielung auf ein ähnliches Zeichen im James Bond Film „You only live twice“.
Sie räkelt sich auf dem Tisch und transformiert die bedrohliche Unterwerfung in eine selbstbestimmte, erotische Pose. Auf dem Tisch und an der Decke befindet sich jeweils ein Mikrofon als Hinweis auf die Verhörsituation. Bilder des Stuhls, der an dem Tisch steht, werden gegen Bilder des elektrischen Stuhls, auf dem Madonna im Verlauf des Videos landen wird, geschnitten. Dazwischen erscheinen Bilder eines Koreaners, der ein Stahlgebiss trägt. Hier deutet sich, wie in vielen Madonna Videos, ihre Zitierfreude an: Bezugspunkte für die Gegenstände sind die James Bond Filme. Im speziellen Fall verweist die Figur auf den Gehilfen eines James Bond Gegners, auf Jaws (deutsch: Der Beißer dargestellt von Richard Kiel), der in "Moonraker" (1979) und "The Spy who Loved Me" (1977) mit Stahlgebiss auftritt.
Verschiedene Folterungen werden in Szene gesetzt, Madonna wird gegen eine Kachelwand geschleudert, schnelle Schnitte zeigen den leeren, qualmenden, elektrischen Stuhl, eine Ankündigung, dass sie davonkommen wird. Dann springt sie auf den Tisch und beginnt zu tanzen. Die Folterungen werden im James Bond Film nur angedeutet, sie spielen sich im Kopf des Betrachters ab. Ganz im Gegensatz dazu setzt Madonna die Phantasien hier in Bilder um und zeigt das Untertauchen ihres Kopfs in Eiswasser explizit. Die Soldaten halten sie an den Armen und drücken den Kopf herunter. Madonna selbst inszeniert sich als zähe, unbesiegbare Kämpferin. Im Verlauf des Videos ist ihr Körper mit Blessuren übersäht, das Haar ist zerzaust, ihre Schminke verlaufen, sie hat schwarze Augenringe. Sie setzt sich massiv gegen ihre Gegner zur Wehr, lässt sich nicht unterkriegen. Diese Inszenierungen ihres Körpers stellen ein weiteres verdichtetes Schlüsselbild in diesem Video dar.
Die Folterer nehmen keine Rücksicht auf das Geschlecht ihrer Kontrahentin: Ihre „weiblichen“ Waffen sind hier außer Kraft, gelten nur dem Zuschauer. In diesen düsteren Szenen erwehrt sie sich mit körperlicher Kraft und mit Ideen: Sie umwickelt ihren Arm mit einem Gummi- oder Leder riemen, der sie vor dem elektrischen Stuhl rettet. Dieser verweist auf das Anlegen des jüdischen Gebetsriemens, Tefillin genannt. Das ist eine besondere Provokation von Madonna, der dieses Ritual als Vertreterin einer „Light Version“ der Kabbala bekannt ist: Nur die männlichen Juden dürfen den Gebetsriemen nach ihrer Bar Mizwah anlegen.
Ihr Unterhemd ist vom Kampf verschmutzt und unter ihrer schwarzen Hose kommen die hohen geschnürten Militärboots, schwarze DocMartens mit parallel geschnürten weissen Schnürriemen zum Vorschein. In diesen Szenen wird ihr Körper betont, ihr Unterhemd klebt am Körper, der schwarze BH zeichnet sich darunter ab. Der Kampf wird kombiniert mit „tabledance- artigen“ Elementen: Madonna schwingt sich an der schweren Eisenkette entlang, tanzt auf dem Tisch, springt herunter und wirft den Tisch um. Sie stöhnt, bevor die Folterknechte sie packen und erneut unter Wasser tauchen. Die Militärs schreiten zur Vorbereitung ihrer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl. Madonna wird draufgezerrt, wehrt sich, tritt mit ihren Boots. Sie wird festgeschnallt, lacht höhnisch, bespuckt die uniformierten Männer verächtlich und rüttelt an ihren Fesseln, hier sieht man ihre aufgeschlagene Lippe. Parallel dazu geschnitten, betätigt sich das Double von Jaws als Vollstrecker der Todesstrafe. Er zieht den Hebel im Kreise von Beobachtern hinter einer Trennscheibe, erst halb, dann ganz herunter, es ist viel Qualm zu sehen. Als sich dieser verzieht und die Uniformierten auf den Stuhl blicken, ist Madonna quasi verdampft! Nur ihr Tattoo, das Wort Liebe, bleibt bezeichnenderweise auf dem elektrischen Stuhl als rauchendes Brandmal zurück. Danach ist an ihrer Stelle ein Mann mit Vollbart auf dem Stuhl zu sehen, eine magische Geschlechter-Transmutation, danach ein weiterer Schnitt und Bilder, die die flüchtende und lachende Madonna zeigen. Hier macht die Referenz zu „Man lebt nur zweimal“ wortwörtlichen Sinn. Das Idol Madonna zeigt sich als schlaue weibliche „Unsterbliche“, die die „tumben“ asiatischen Folterer überlistet. Der Übergang zwischen den Szenen erfolgt über den typischen Bond Augen Ausschnitt, in dem Madonna erscheint. Die Kamera blendet zu Fechtszenen in einem Rittersaal über. Eine verdoppelte, schwarz und weiß gekleidete Madonna bekämpft sich selbst auf einer blutroten Fechtbahn. Diese zweite Ebene des Clips steht in einem starken Qualitäts- und Komplementärkontrast zu den düsteren Bildern der Folterkeller.
Auf der anderen Ebene, der sauberen und eleganten Gegenwelt zu den finsteren Folterkellern und den langen feuchten Gängen, findet in einem Rittersaal mit Glasvitrinen ein Kampf statt, der auf einer Fechtbahn beginnt und im Museum zwischen splitternden Vitrinen endet. Der Raum ist Verweis auf das Glasmuseum in „Moonraker“. Im Museumssaal werden aus Vitrinen entnommene Bond Requisiten im Kampf eingesetzt. Madonna verdoppelt sich in eine gute und eine böse Schwester, die gute trägt den weißen Fechtanzug, die böse natürlich den schwarzen. Die schwarze mit einem wattierten Anzug mit Schnallen bekleidete Madonna kämpft mit einer Doppelaxt, einer Requisite aus „Goldfinger“. Die weiße trägt ein zeitgemäßes Outfit mit modischer Schlaghose, das durch die ausladenden Formen eigentlich ungeeigneter für den Kampf ist als der eng anliegende wattierte Anzug der schwarzen. Die Madonnas prügeln sich aus dem Rittersaal mit einem Sprung aus einem Fenster in den Museumssaal. Karatetricks werden gezeigt, die gute weiße Madonna wirft ihre Gegnerin über die Schulter. Sie besitzt zudem Waffen in Anlehnung an die von Q für Bond hergestellten Gadgets, z.b. springt aus ihrem Schuh eine metallische Messerspitze, wie bei der KGB Figur Rosa Klebb aus „Liebesgrüsse aus Moskau“. Die schwarze Madonna wird mit einem Schuss aus einer Harpune zur Strecke gebracht, diese stammt aus „Thunderball“. Die Getroffene fällt in Zeitlupe nach hinten zu Boden. Die weiße Madonna pustet zufrieden auf die Harpune, mit der sie den tödlichen Pfeil abgeschossen hat, wie auf einen rauchenden Colt.
Im Clip verstreut finden sich weitere Accessoires: Im Museum wird eine Frau mittels Pinsel und Farbeimer golden angemalt („Goldfinger“, 1964). Im Ahnensaal taucht der Koreaner mit der Melone auf, Oddjob, der Helfer des Bösewichts (Gerd Fröbe) aus „Goldfinger“. Mit dem Wurf der tödlichen Melone enthauptet Madonna eine weiße ausgestopfte Katze, eine Anspielung auf Ernst Stavro Blofeld ("Liebesgrüsse aus Moskau"), den man im Film mit einer lebendigen weißen Katze auf dem Schoss sieht. Die Melone streift die weiße Madonna an der Wange. In einer weiteren Vitrine ist der goldene Colt aus „The Man with the Golden Gun“ zu sehen. Der Astronaut aus „Moonraker“ und eine Schaufensterpuppe im weissen Bikini-Outfit, ein Verweis auf Ursula Andres´ Bikini im ersten James Bond Film „James Bond jagt Dr. No“ und gleichzeitig auch auf die Retroversion, die von Halle Berry in „Die Another Day“ getragen wird, stehen im Museumssaal.
Alle hier auftauchenden Motive und Details sind hier als Bestandteile eines übergreifenden Schlüsselbildes zu verstehen: das James Bond Zitat als Hintergrundfolie für ein eigenes Madonna Profil. Alle Requisiten sind optisch bewusst billig gehalten und wirken lächerlich vor dem Hintergrund der professionellen Inszenierung der beiden kämpfenden Madonnas. Dies wird auch noch mal am Porträtgemälde von James Bond Pierce Brosnan demonstriert, das eine Madonna mit einem Degen durchbohrt. Auch diese Szene ist wieder direkt mit einem Bond Film assoziiert: Bond erhält von Q in "Moonraker", eine Uhr, die bei emotionaler Anspannung in Gefahr einen Pfeil abschießt, der erste Probeschuss landet in einem Gemälde.
Im Fechtduell verschränken sich beide Ebenen des Clips: Die schwarze Madonna trifft die weiße mit dem Schwert und schlitzt ihr den Bauch auf. Das Blut wird dann im Gegenschnitt sichtbar, der mit einem Ortswechsel in die zweite Narrationsebene verbunden ist und damit zurück in die Folterkammer führt. Madonna steht vor einer Kachelwand und hier kommt der Schnitt an: Sie fasst mit den schwarz behandschuhten Händen an ihren Bauch. Es quillt Blut heraus, das sie mit einer entschlossenen gleichzeitig tänzerischen Geste auf der grünlichen Kachelwand verteilt. In einer der folgenden Szenen stößt sie die Wachen weg, befreit sich von ihnen und wälzt sich auf dem mit Scherben bedeckten Boden und streckt ein Bein ballett-mässig hoch. In den Scherben spiegelt sich jetzt die Fechtszene und beide Aktionsverläufe schieben sich nochmals übereinander. Der Schnitt mit der Klinge und die Spiegelung in den Scherben sind visuelle Gelenkstellen zwischen den beiden Ebenen, wobei das mediale Mittel Schnitt hier als wörtlich genommener Schnitt in die Haut erscheint.
Die zwei Narrationsebenen werden permanent im Wechsel gegeneinander geschnitten: Die erste Ebene zeigt die Folter, den elektrischen Stuhl und die Koreaner. Wenn Madonna auf diesem Level alleine zu sehen ist, stehen tänzerische und körperlich lustvolle Elemente im Vordergrund. Die Folterszenen zeigen Madonnas Körper in ambivalenten Bildern zwischen gezwungener Unterwerfung und Lust, in den Fechtszenen ist dieser komplett umschlossen und modisch gepanzert.
Die Bond Geschichte erscheint starr und musealisiert, demgegenüber repräsentieren die Madonnas den Ausdruck des prallen Lebens und demonstrieren gleichzeitig in der Vervielfachung die Unsterblichkeit der Ursprungs-Madonna. Die Kampfebene ist durch Madonnas offensive Körperlichkeit bestimmt, weniger von Bond Zitaten durchzogen als die Museumsebene. Die formale Gestaltung des Clips, der die narrativen Elemente reduziert und assoziativ vorgeht, weist auf eine Verbindung zu einem actionreichen Computerspiel hin.
Madonna konstruiert wieder einmal ihr ganz spezielles Frauenbild, Ausgangspunkt ist hierbei der Filmheld Bond. Sehr interessant ist das Moment ihrer Vervielfachung, das die Ausgestaltung unterschiedlicher Charakterzüge gestattet: Die Hauptfigur ist die toughe und gleichzeitig dominante Madonna, die den Film Bond ersetzt, die beiden FechterInnen sind die androgynen Emanationen ihres Unbewussten, der widerstreitenden guten und bösen Kräfte.
Madonna präsentiert sich als weibliche Kämpferin mit aufreizenden, klassisch femininen, aber auch mit männlichen und androgynen Zügen. Aus der geschlagenen und misshandelten Frau wird eine, die sich der Gewalt entzieht und aus dem Bild heraus ihre sexuelle Anziehungskraft wirken lässt, indem die Bilder zwischen Misshandelter, tapferer Jungfrau von Orleans und „Schlampe“ mit sexueller Ausstrahlung oszillieren. Diese Bilder sind aber nur für die Zuschauer inszeniert und im Handlungskontext des Bildes unwirksam. Die schwarze und weiße Madonna verkörpern das Bild der Amazone. Die Fechterinnen sind Kampfmaschinen in sauberer Umgebung, ihre Kleidung ist hochgeschlossen und ihr Geschlecht spielt keine Rolle.
Madonna ist keine uniforme Bond-Schönheit, die sich zur dekorativen Schaufensterpuppe degradieren läßt. Als Kontrapunkt sind alle im Video auftretenden Männer durch mäßige Intelligenz und durch eine uniformierte Erscheinung als nicht individuell und tumbe Befehlsvollstrecker gekennzeichnet. Madonna zeigt einen weiblichen Ausbruch, der an Konventionen wie der erotischen Aufbereitung des weiblichen Körpers auch in Extremsituationen wie körperlicher Misshandlung festhält und sie damit wieder bestätigt.
Madonna fügt in diesem Video ihrem Star-Image, das auf Innovation und Wechsel angelegt ist, eine weitere Facette hinzu. Ihr Markenzeichen ist das permanente Oszillieren zwischen verschiedenen Weiblichkeitsbildern, die alle für die „Marke“ Madonna stehen. In dem oben analysierten Video arbeitet sie mit der Vielfachung der eigenen Person in verschiedenen Maskeraden.