Birgit Richard:
Music Video Clips: Von der optophonetischen Schaumaschine Raoul Hausmanns zum Brain Dance der Technokultur versus electronic battlefield Training, Musik und Spielekultur im elektronischen Zeitalter

Die Gestaltungselemente der Musikvideos leiten sich aus der Formensprache der klassischen modernen Avantgarde ab. Das Bedürfnis musikalische Töne zu visualisieren, hat eine lange Geschichte. Es läßt sich bis zu Leonardo da Vincis Skizzen eines Projektors mit farbigen Linsen und Archimboldos graphischem Cembalo, zurückverfolgen. Entscheidende Grundlage für die späteren Musikvideos sind auch die Einflüsse aus den Anfängen der Filmgeschichte und dem Experimental- Film. Besonders die abstrakten Filme von Oskar Fischinger, Walther Ruttmann und Viking Eggeling spielen eine große Rolle. Sie komponieren Filme aus abstrakten Formenkonstellationen zum Rhythmus der Musik.
Auch Künstler bemühen sich um die Vermittlung einer synästhetischen, d.h. mehrere Sinne ansprechende Erfahrung. Neben Konzepten einer nach musikalischen Kompositionsregeln aufgebauten Malerei, als Beispiele wären Kandinsky oder Kupka zu nennen, gibt es auch bei den Künstlern das Bestreben synästhesische Maschinen herzustellen. Der Dadaist Raoul Hausmann, konkretisiert seine Vorstellung einer Farbenmusik, in einer opto- phonetischen Schaumaschine - auch Optophon genannt - von 1920. Er schließt damit an technische Erfindungen des 19. Jahrhundert, sogenannte Farborgeln, die mittels Tastendruck Ton und Licht modellieren, an.
Heute steuert die bildende Kunst außerdem insbesondere formale Elemente aus Dadaismus und Surrealismus bei. Vom Surrealismus übernehmen die Musikvideos vor allem Bildelemente von Rene Magritte oder Salvador Dali, die zum einen hohen Wiedererkennungswert besitzen und sich zum anderen ideal in den Phantasieraum dieser Medienwelten einpassen.
Dazu gesellen sich Elemente aus der Alltagskultur: aus Werbung und Fernsehspots. Musikvideos stellen also ein hybrides Bindeglied zwischen künstlerisch- avantgardistischen Ausdrucksformen und Massenkultur dar. Musikvideos bieten in eingeschränktem Maße eine Erhöhung der Akzeptanz (moderner) avantgardistischer Elemente. (Lovejoy 1989, 169ff) Der Künstler Bill Viola sieht die Absorption experimenteller Ideen allerdings schon in der Logik des Systems Freizeitindustrie enthalten.
Die traditionellen, digital unbearbeiteten Musikvideos zehren im Gegensatz zu den digital generierten eher vom kulturellen Vorrat der Bilder. Sie recyclen das Bildgedächtnis der Gesellschaft, das alle bildförmigen Erzeugnisse vom Tafelbild bis zum Pressefoto enthält. Dies ist mit Abnutzungs- und Trivialisierungserscheinungen verbunden, da sie dem Bilderuniversum keine neuen Bildwelten hinzufügen können. Die magische Zirkularität dieser Art von technischen Bildern kann sich durch die natürliche Begrenzung des Bildinformationsspeichers unserer Geschichte, in der ewigen Wiederholung des Gleichen, verfangen. (Flusser 1990, 50) Bestes Beispiel hierfür ist die endlose Zirkulation männlicher Repräsentationsbilder für das Weibliche in den Musikvideos.
Der französische Kulturphilosoph Paul Virilio sieht einen Grund für den inflationären Bilderverbrauch in der Beschleunigung des Bilderuniversums bis zur Lichtgeschwindigkeit der Übertragungsmedien. Aneinanderreihung und Beschleunigung entwerten die verwendeten experimentellen Stilmittel. Diese sind praktisch nicht existent, weil sie laut Virilio nicht als eigenständige Segmente wahrnehmbar sind. So verschwindet der kunstgeschichtliche Kontext in der Lichtgeschwindigkeit zugunsten eines allgemeinen Taumels der Bilder, die den Betrachter in ihren Sog ziehen. Da die Bildmaschine immer neues optisches Verdauungsmaterial braucht, eröffnet das Musikvideo auch gestalterische Freiheiten.
Durch den großen Bedarf an Bildern steht die ganze Welt als Bildbank oder Archiv zur Verfügung. Alles was bildförmig ist, kann und wird auch unabhängig vom Inhalt verwertet. Ob dies Bilder der kämpfenden Soldaten aus Sarajewo als Musikvideoclip oder ein Jahrhundert Kunstgeschichte sind, bei der Auswahl der Bilder spielen ethisch- moralische Werte keine Rolle. Rhythmus und Schnitt verschmelzen selbst unvereinbare Bilder zu einer neuen Metamorphose.
Das durchgängige Prinzip in der Gestaltung von Musikvideos ist die elektronische Collage, das "scratching" und "sampling" von Bildern. Die Elemente können in mehreren Raum- und Bedeutungsschichten angeordnet werden. Das Splitting von Bildern, die Simultaneität und Fragmentierung der Erzählung sind kennzeichnend. (Weibel 1986, 38) Hinzu tritt die unbegrenzt erscheinende digitale Manipulation von Farben und Formen, ihre geometrisch freie Transformation in n- Dimensionen, was die absolute Künstlichkeit dieser Videowelten ausmacht. Musikvideos weisen in die Zukunft: neue Bild- und Musiktechnologien wie die digitale Tonerzeugung, das sogenannte electronic sound processing treffen auf neue ästhetische Strategien wie die digitale Bilderzeugung, das sogenannte imaging. (Kittler 1990, 47f.)
Das Musikvideo ist also ein nicht- lineares, nicht- cartesianisches, rekursives Medium. Es entsteht aus Time Axis Manipulation, was bedeutet, daß z.B. durch Rückblenden oder Schnitte, die Ereignisse aus ihrer chronologische Reihenfolge auf der normalen Zeitachse mit Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit herausgerissen werden.(Kittler 1989, 112) . Die neuen Strategien finden ihre ideale Verwirklichung in musikalischen Stilen wie dem Techno (auch House oder Rave genannt). Es ist ein Charakteristikum des Stils digitalisierte Wunschströme zu kreieren, Phantasiebilder, neue galaktische, dimensionslos erscheinende Visionen, die die Musik körperlich erfahrbar machen. Kittler behauptet, das Zeitalter des Bildes, in dem der menschliche Maßstab entscheidend ist, sei vorbei. Das Medium Musikvideo zeige erste Hinweise auf die Zukunft eines mutierten menschlichen Doubles und seiner Welten. (Kittler 1990, 48). Die Maßstäbe für die Bildbeurteilung verändern sich: Der Ausdruck eines Bildes wird sekundär, beurteilt wird die artistische Technik des Bildes. Das digital manipulierte Bild erscheint wie ein Akrobat, der non-stop unglaubliche stunts auf dem Bildschirm vorführt. (Ernie Tee 1990, 8)
Die Musikvideos sind Bilder von Bildern, ihre Synästhesie von Bild und Ton ist heute so perfekt, daß sie einen extrem ekstatischen, halluzigenen Charakter bekommen. (Weibel 1987, 274). Diese Auswirkungen des Zusammenspiels von Bild und Ton werden schon in den 40er Jahren unseres Jahrhunderts von Cecil Stoker in seiner "Auratone Farborgel" zu meditativen, heiltherapeutischen Zwecken eingesetzt. Die Farborgel kann sich nicht durchsetzen und gerät in Vergessenheit. Heute knüpft ein musikalischer Stil wie "Techno", der im wesentlichen elektronisch- digital erzeugt wird, wieder an die Idee einer Farborgel an. Techno ist die technische, digitale Implementierung der drogenschwangeren Bewußtseinserweiterungen der 60er Jahre, auch Psychedelia genannt. Die 60er Jahre bringen die erste Musikrichtung hervor, die abstrakte Farbvisionen mittels der Manipulation elektronischer Videotechnik erzeugt. Die kommerziellen Veranstalter von Techno- Events träumen von einer elektronischen Gleichschaltung der Gehirne, von - im Szene Jargon - durch Musik und Lichtblitze erzeugte "collective dreams" (gemeinsame Träume), die in einem "collective brain" (in einem gleichgeschalteten, kollektiven Gehirn) während einer sogenannten "public brain session" (öffentlichen Gehirn- Party) entstehen. Die die Techno- Musik begleitenden Bilder sind immaterielle Lichtmalereien im Sinne McLuhans. Sie basieren auf Frequenzen und Lichtimpulsen, die das Gehirn in eigene Bilder oder Visionen zum "Tanz der Neuronen" umsetzt. Auch die Techno- Videos bemühen sich Licht- und Schallwellen möglichst unvermittelt ins Gehirn zu schleusen, was die Begrenzung des Bildes durch den Fernsehkasten nur bedingt möglich macht. Die Musikvideos ermöglichen ähnlich wie ein Videospiel eine Erweiterung der visuellen Sinneswahrnehmung zu einer taktilen Erfahrung nach McLuhan.
Techno kann die Programmierung im Maschinenrhythmus bis zur Ekstase, aber auch über Licht und Sound herbeigeführte Entspannung sogenanntes "chill out" bzw. "Trance-Dance" sein. Licht und Soundkopplung bieten besondere Manipulationsmöglichkeiten der Discobesucher über die Ansteuerung bestimmter Frequenzen (z.B. bewirken Frequenzen um 6 Hertz sexuelle Stimulation, 12-15 Hertz Euphorie bis Hysterie). Hier macht sich die Clublandschaft und deren visuelle Produkte die Erkenntnisse militärischer Manipulationsforschung zunutze.
Die beats, pictures und ideas (Lovejoy 1989, 184) per minute werden immer dichter, der Takt der Musik und die Geschwindigkeit der Bilder steigert sich. Da sich die beats.per.minute an körperinternen Rhythmen orientieren, sie verdreifachen z.B. die Pulsfrequenzen, ist dies ein Training für die Erhöhung der individuellen Körpergeschwindigkeiten. Ein älterer Betrachter von Musikvideos oder Videospielen wird Schwierigkeiten haben, sich auf die Geschwindigkeiten einzustellen. Die Gehirne einer Nintendo- und Sega- Generation, die ihre Reaktionen an den elektronischen Spielen der vorne genannten Hersteller trainieren, sind auf extreme Reize und Geschwindigkeiten programmiert.
Techno ist ein extremes Beispiel für die These Kittlers, daß jede Unterschreitung der menschlichen Wahrnehmungsschwellen als Training für einen nächsten militärischen Ernstfall zu verstehen ist.(Kittler 1989, 112) Die Ambivalenz der ekstatischen Musik und Bilder ist signifikant: auf der einen Seite verspricht das kommerzielle Einschwingen auf bestimmte Rhythmen Kontrolle. Die ist aber immer durch die entgrenzten ekstatischen, bis zum Zusammenbruch agierenden Körper, bedroht. Die Manipulation greift nie vollständig: Die Bild und Sound gewordene Konsumwelle wird in dem Moment für die Erwachsenen zur Bedrohung, wenn die Jugendlichen sie subversiv nutzen, um sich mit ihrem Körper in Traumwelten und andere Gefühlszustände katapultieren. Nichts fürchten staatliche und andere Kontrollinstanzen mehr. Ein gutes Beispiel für die Furcht der Erwachsenen sind die hysterische Reaktionen in Großbritannien auf spontane House Parties, die von jugendlichen Initiatoren ins Leben gerufen, mittels Telefonketten Tausende von Jugendliche in Bewegung setzen, die dann in stillgelegten Fabrikhallen oder anderen exotischen Räumen ihre ekstatischen Parties feiern.
Die Trance- Maschinen Musikvideo und Techno- Disco sind jugendliches Erprobungsfeld für den Körper und gleichzeitig ein Training im kommerziellen Laboratorium für zukünftige Geschwindigkeiten und Wahrnehmungswelten. Was auch bedeutet, die zukünftige Generation überlebensfähig, auf die Anforderungen einer neuen elektronischen Welt vorzubereiten.


Literatur:
Lovejoy, Margaret: Postmodern Currents. Michigan 1989
Weibel, Peter: Musikvideos von Vaudeville zu Videoville. In: Body, Gabor und Veruschka (Hrsg.): Video in Kunst und Alltag Köln 1986, S. 24 - 41
Flusser, Vilem : Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen 1990 3. Auflage
Kittler, Friedrich: Imaging. In: What a wonderful world. Musicvideos in architecture. Ausstellungskatalog Groningen 1990, S. 47- 48
Kittler, Friedrich im Gespräch mit Florian Rötzer: Synergie zwischen Mensch und Maschine. In: Kunstforum International Band 98, Jan/Febr. 89 S. 112f
Tee, Ernie: Red skies over a "wonderful world". S. 8- 19
Virilio, Paul: Der echtwahre Augenblick. In: Dance 91
München, Wien 1991
Weibel, Peter : Was ist ein Videoclip? Veruschka Body/Peter Weibel (Hrsg.): Clip, Klapp, Bum. Von der visuellen Musik zum Musikvideo Köln 1987 S. 274- 275