Alone in the Dark

Bei "Alone in the Dark - The New Nightmare" (Infogrames, 2001) handelt es sich um den vierten Teile einer Serie, die sich um den männlichen Protagonisten Edward Carnby dreht. Diesem "Detektiv des Unergründlichen" gelingt es immer wieder, in Aufträge mit paranormalen Hintergrund verwickelt zu werden. Er ist Geistererscheinungen also gewohnt und lässt sich so durch nichts mehr erschrecken. Ganz anders Aline Cedrac, die weibliche Protagonistin dieses vierten Teils des Spiels. Auffällig ist, dass die Konstruktion des Spiels dem Verhältnis von den berühmten Hauptfiguren der Fernsehserie "Akte X" ähnelt. Mulder ist erfahren im Umgang mit Außerirdischen und anderen Mächten der Finsternis, Scully hingegen entstammt der wissenschaftlichen Welt, ist Ärztin, und legt ihre Skepsis gegenüber paranormalen Geschehnissen nur zögernd ab.

Aline Cedrac ist eine bekannte Wissenschaftlerin und trägt einen Doktortitel in Anthropologie, spezialisiert auf nordamerikanische Indianerstämme. Alines Mutter hat ihr die Identität ihres Vaters verheimlicht und nach dem Unfalltod der Mutter kann sie nun nicht mehr darauf hoffen, diese Rätsel zu lösen.
Carnby und Cedrac werden durch einen Auftrag zusammengeführt, der sie auf eine abgelegene Insel führt. Carnby hat die Aufgabe, die Wissenschaftlerin zu beschützen, Aline Cedrac hingegen hat den Auftrag, geheimnisvolle Schrifttafeln zu finden und die Sprache zu entschlüsseln. Auf dem Weg zur Insel wird ihr Flugzeug von einem schattenartigen Wesen angegriffen und stürzt ab. Beide schaffen es, mit einem Fallschirm abzuspringen, jedoch werden sie getrennt. Carnby landet auf einem finsteren Friedhofsgelände, Cedrac auf dem Dach eines Herrenhauses. Nur noch durch ein Funkgerät miteinander verbunden, sind sie zunächst auf sich allein gestellt und beginnen, beide auf ihre Art und Weise, die sich ihnen stellenden Rätsel zu lösen.

Die Spielerin hat nach dem Intro die Möglichkeit, zwischen den beiden Personen und zwischen den beiden Handlungssträngen zu wählen. Ein Menü mit den Porträts der Helden und kurzen zusätzlichen Informationen lässt der Spielerin die Wahl. Beachtenswert sind übrigens die "besonderen Merkmale", die kurz Erwähnung finden. Bei Edward Carnby handelt es sich um "eine doppelläufige Waffe" (Abb.1), und bei Aline Cedrac um den Hinweis "Vater unbekannt" (Abb.2). Obwohl es sich bei Aline weniger um eine Heldin handelt, so wie etwa Cate Archer, Lara Croft oder Alice, haben die genannten doch eins gemeinsam. Sie sind entweder Waisen oder ihnen ermangelt es, wie im Falle Alines zumindest des Vaters, also der zentralen Kastrationsinstanz. So ist sie durch ein Trauma gekennzeichnet, dass auch im Intro kurz gezeigt wird. Recht schnell stellt sich heraus, dass Alines Mutter in der Vergangenheit mit den Geschehnissen um die Personen auf der Insel involviert gewesen ist. Aline entwickelt so die Idee, dass eine der Personen auf der Insel ihr Vater sein könnte. Sie versucht also von nun an nicht mehr nur, das Geheimnis der Schrifttafeln zu lösen, sondern ebenso das Rätsel ihrer Herkunft.

Aufgabe der Spielerin in diesem Spiel ist es, ein Puzzle zusammenzufügen, durch Räume zu laufen und Gegenstände aufzusammeln. Allerdings gehören zu diesen Gegenständen auch Waffen und so kann man sich gegebenenfalls auch gegen die in allen dunklen Ecken des Gedäudes lauernden Wesen zur Wehr setzen. Spielt man Alines Rolle, kann man außerdem über das Funkgerät an vordefinierten Stellen den Privatdetektiv Carnby um Hilfe ersuchen. Aline ist zwar eine selbstbewußte, attraktive junge Frau, gewissermaßen aber auch auf diese externe Hilfe ihres Begleiters angewiesen, zumal sie im Gegensatz zu ihrem Partner zu Beginn des Spiels unbewaffnet ist. Sicherlich muss sie sich nicht an seine Ratschläge halten. Etwa zu Beginn des Spiels rät ihr Carnby, sich im Haus versteckt zu halten, bis er ihr zur Hilfe eilen kann. Tritt man jedoch in das Haus ein, ist man recht schnell dazu gezwungen, auf eigene Faust zu handeln. D. h., dass Spiel nötigt die Spielerin bereits von seiner Struktur her sich von den Ratschlägen des männlichen Parts zu emanzipieren (Clip 1).

Dieses Spiel zeichnet sich in Hinsicht seines ,,gendering'' dadurch aus, dass man ein und dieselbe Geschichte aus zweierlei Perspektiven heraus bestreiten kann: der männlichen und der weiblichen. Passend zu Geschlechterkonstruktion ist Aline schreckhaft und Edward abgeklärt, sie ist hilflos und er verhält sich souverän. Bei einer etwas genaueren Betrachtung allerdings fällt auf, dass die beiden Hauptpersonen, adäquat zur Fernsehserie Akte X, dann aber doch nicht so eindeutig in ihren Geschlechterrollen aufgehen. Der männliche Protagonist ist der Mystiker, die Protagonistin hingegen der rationale Part. Beide Personen bieten gewissermaßen Identifikationspotential für beiderlei Geschlechter. Ob dies nun geschickter Schachzug der Industrie ist, die Absatzraten zu steigern, oder ob dies Reaktion auf eine doch fragwürdig erscheinenden bipolare Geschlechterkonstruktion ist, sei dahingestellt. Jedenfalls darf man sich als Zuschauer bei Akte X oder als Spielerin von "Alone in the Dark" mit beiderlei Geschlecht identifizieren, denn beide Rollen bieten jeweils Potential der anderen Rolle. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in den letzten Jahren die feste Geschlechtsrollenzuschreibung ein wenig durchlässiger geworden ist. Was bei Lara Croft noch in einer Person vereint erscheint, tritt in ,,Alone in the Dark'' wieder in zwei Geschlechter auseinander und doch sind beide Teil der gleichen Geschichte.

Allerdings wird diese ,,Aufwertung'' der Frau mittels des Zugestehens intellektueller Unabhängigkeit erkauft durch ein gewisses Maß an Berechenbarkeit, die weiblichen Figuren wirken weniger ambivalent. Das ,,Rätsel der Weiblichkeit'' löst sich angesichts solcher Figuren auf, statt der Frauen verfügen mit einem Mal die männlichen Gegenstücke über Intuition und Unberechenbarkeit.

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