Birgit Richard


Odyssee in Fashion 2001: Electro-textiles und Cargo Mode



Crossing Past and Future
Die aktuelle Jugendmode ist charakterisiert durch eine nicht-lineare Entwicklung, d.h. es gibt eine Simultaneität von Gegensätzlichkeiten: Während auf der einen Seite die Annäherung von Technologie an die Mode im "wearable computing" und "electro textiles" immer weiter ausgebaut wird, zeigt sich auf der anderen Seite eine nostalgische Rückbesinnung. Die Retro-fashion folgt als Antipode zum Smart Clothing einer konservativen und einer konservierenden Linie. Einmal in Form von Spießigkeit im Burberry Retro Look (Brit Chic), die zurück zur Tradition führt (Burberry und Designer wie Bernd Willhelm mit der Küchen und Landschaften Kollektion). Dieser ist Ausdruck einer Sehnsucht nach volkstümlicher und gleichzeitig technologiefreier Kleidung. Die zweite Linie der 80er Retro Look mit dem Schwerpunkt Punk widerspricht ebenfalls den Zukunftstendenzen in der aktuellen Mode und betont das Aggressive (Nieten) und das Verbrauchte, Abgenutzte aus der Vergangenheit. Mode ist hier ein Informationssystem, das als Erinnerung an das ästhetisch Verdrängte funktioniert.
In diesen Zusammenhang ist auch die Rückkehr der Schrift auf den Basics (T-Shirt und Sweat Shirt) im Rahmen der Collegemode einzuordnen. Neu daran ist, dass jenseits von Markenambitionen referenzlose Namen in den Mittelpunkt gestellt werden. Dieses Prinzip taucht in der Mode zyklisch immer wieder auf und ist Zeichen eines gesättigten Marktes und einer markenverwöhnten Elite, die von der Perfektion der Marke zum scheinbar Proletarischen strebt:" "The rich can afford looking poor." (Angela Carter zitiert nach McRobbie 1995, 151).
Die auf diese Art bedruckten Basics, die nun auch von den großen Modedesignern hergestellt werden (angefangen hat damit Helmut Lang) entsprechen dem "Lomo Effekt" in der Fotografie: weg von der digitalen Perfektion hin zur maschinell vorverbrauchten abgeschabten Schrift oder dem scheinbar Handgeschriebenen wie in der neuen Kollektion von Louis Vuitton.
Ein anderer Bereich, der auch der Technologie und ihrer Möglichkeit, unendliche Variationen herzustellen, trotzt, ist neben den Basics der Sneakers-Markt. Auch hier gibt es den Trend hin zu einer Kernform (Puma Avanti, oder Nike Cortez, Adidas Superstar). Variationen werden durch die Farbe und die Materialien erzeugt, die Form bleibt unangetastet und gibt sich technologiefern, im Gegensatz zu den anderen High-Tech Modellen.

Smarte Mode und intelligente Textilien

Technologie bestimmt den räumlichen Alltag des Menschen nicht nur durch die Präsenz in öffentlichen und privaten Räumen, sondern rückt dem Menschen immer dichter auf den Leib. Sie besetzt Lücken und Aussparungen, wenn sich mediale "Devices" zu "smart clothing", zu intelligenten Kleidungselementen entwickeln. Es gilt zwischen "wearable computing/electronics (Philips/Levis)" und "smart textiles" zu unterscheiden. Die letztgenannten intelligenten oder Mikrotech-Textilien sind noch einmal zu unterteilen in technische Textilien (Spezialmaterialien, beschichtet für bestimmte Zwecke wie z.B. Feuerschutz siehe Firma), die es schon lange gibt, und in elektronische und reaktive (chemische photochemisch medizinische) Textilien, die viele neue Eigenschaften von antimikrobakteriell und selbstreinigend bis energiespeichernd (Solarfaser) aufweisen. Die an der Uni Stuttgart entwickelte, photovoltaisch, transparente und waschbare Faser ist eine Solarzelle zum Anziehen (www.ipe.uni-stuttgart.de/res/asi/rakhlin_asp?ID=538). Sie entsteht aus der dreifachen Beschichtung mit amorphem Silizium von Kunststoff, Glasfaser und Draht und dient der Energieerzeugung.
Das Konzept "wearable computing" beinhaltet, dass Menschen digitale Informations- und Kommunikationstechnologien komplett am Körper tragen. "wearables", wie sie vom MIT und Neil Gershenfeld (http://wearables.www.media.mit.edu/projects/wearables/FAQ/FAQ.txt; Version 1.0) verstanden werden, sind Gegenstände, die die Fähigkeiten des Menschen wesentlich erweitern. Hierbei gehen die Entwerfer davon aus, dass der Mensch und seine Sinne hochgradig defizitär sind und der medialen Prothesen zwingend bedürfen.
Tragbare Computer/Elektronik sind entweder Applikationen oder nutzen vorhandende Nischen für die Integration der Technologie, während die Elektro-Textilien direkt in den Aufbau der Kleidung, den Stoff eingreifen und ihn mit zusätzlichen Funktionen ausstatten. Die Mikrotech Textilien sind eine Revolution für alle Bekleidungsgenres (Workwear mit Spezial- und Schutzfunktionen, Security) und kreiern zugleich neue (Wellness/Fitness, Überwachung: siehe MIT Eltern Teleaufsicht über die Kinder Entwürfe unter http://wearables.www.media.e..ut-in-the-world/beauty/show3.html, z.B. der "cyber-safety suit" für Kinder: "(...) child ist always reachable, traceable and detectable"; Games and Fun, siehe Klaus Steilmann Institut auf der Avantex 2000). Die Funktionen der neuen Bekleidung sind Kommunikation, Ortung, Überwachung, Zugangskontrolle, Warnung und Körperklimatisierung. Die zweite Haut wird intelligent.
Intelligente Fasertechnologien werden bereits verwendet, da sie sich im Bereich Spezialbeschichtungen für Arbeitskleidung schon bewährt haben. Die Hardware für die "wearables", so wie sie in universitären Forschungseinrichtungen z.B. am MIT als Prototypen hergestellt wird, ist noch weit von der Massenproduktion einer alltagstauglichen Computerkleidung entfernt. Daher ist die Betrachtungen von anderen Kleidungssektoren vielversprechender.
Die modische Bekleidung scheint hier Referenzen und symbolische Wertigkeiten zu entwickeln: Die Integration von Hightech Materialien und ein mit Cargo, Utility und Futuristic Look zu benennender Trend, der vor allem in den jugendkulturellen Szenen ihren Ort hat, bieten einen pragmatischen Ausblick auf die zukünftige Integration von Technologie. Analog zu dem funktionalen Prinzip von Spezial-Kleidungsstücken für Kameramänner oder Fotografen werden in die zeitgenössische Mode Behältnisse und Stauräume eingearbeitet, die diese elektronischen "gadgets" aufnehmen können.
Die Mobilität der Gegenstände beginnt mit technisch-medialen Extensionen wie dem Walkman und führt über kommunizierende, sendende und empfangende "devices" wie Pager oder WAP Handy, Uhren wie Swatch the Beep und PDAs, zur vernetzten Online-Kleidung.
"Wearable computing" macht Medien zur Kleidung und Kleidung zum Medium. Der Körper wird durch sendende und empfangende Oberfläche.
Technische Voraussetzung für eine Akzeptanz und die industrielle Fertigung der tragbaren Medienpakete sind Miniaturisierung, die Abnahme von Gewicht vor allem im Bereich der Energieversorgung und Vernetzbarkeit auf der Basis eines gemeinsamen Standards für den Datentransfer. Durch die notwendige Vereinheitlichung der dabei entstehenden individuellen BodyNets (PAN, Personal Area Network) bildet sich eine unsichtbare Software-Uniform heraus. Das "Hardwear-Design" der elektrifizierten Kleidung ist die einzige Ebene, auf die modische Variationen zugreifen können. Neue Materialien verwandeln die harte Objektwelt in softe Pads oder weiche Screens (Die Firma ElekTex webt Drähte in polymere Stoffe ein, daraus werden Tastaturen in einer Jacke, zudem werden integrierbare Folienbildschirme entwickelt) und weichen die Grenze zwischen Hard- und Software haptisch und optisch auf.
Prototypisch und bis jetzt das einzige Komplettprodukt, das in limitierter Auflage verkauft wird, ist die icd+ (Industrial Clothing Design Plus) Kollektion, eine Koproduktion von Levis (www.levistrauss.com/press/icd) und Philips (www.research.philips.com). Agoon und Courier Jacket sind die beiden Grundformen, sie haben einen integrierten MP3 Player, ein Mobiltelephon und je nach Modell integrierte Kopfhörer in der Kapuze und Fernbedienung.
Das ursprüngliche Konzept der "wearables" am MIT ist rein funktional definiert und hat keinerlei beabsichtigte ästhetische Implikationen. Alles, was "smart" (vgl. Morse 1994, 161, in Bezug auf smart food) ist, hat per se keine ästhetische Gestalt. Nun gibt es eine Herangehensweise, die eine vorhandene Ästhetik von Multifunktionalität (aus dem Trekking) nutzt und Ösen Verschlüsse neu belebt z.B. als Kabelzuführungen. icd+ knüpft an diese multifunktionale Bekleidung an. Konventionelle Kleidungelemente wie Knöpfe sollen zu Eingabedevices oder Mikrofonen (siehe auch Union Knopf, Knöpfe als Anzeige URL) weiterentwickelt werden.
Die Mode der jugendkulturellen Stile hat ohne die tatsächliche Integration von High Tech, visuelle Ausprägungen, die smartness suggerieren, indem sie die elektronischen "gadgets", wie das in allen Gesellschaftsschichten etablierte Mobiltelefon, materiell einschließen. Low und high tech Varianten tragbare Technologien ist zu eigen, dass sie auf dem Prinzip des Tragens basieren.

Tragen und Umschnallen

Von den "wearables", den tragbaren Computern und dem weniger belastenden Tragen von Kleidung, ist es begrifflich kein weiter Weg zum Phänomen des Transportierens, und es gilt nun, einen Blick auf die Entwicklung von Behältnissen und die verschiedenen Möglichkeiten des Tragens zu werfen. Die Formen von Transportbehältnissen hängen eng mit den Entwicklungsstufen des Menschen zusammen: Baby und Kleinkind sind selbst Gegenstand des Tragens und besitzen keine eigenen Tragebehältnisse im Falle der Bewegung im Raum. Das männliche Kleinkind hat zuerst die Hosentaschen als Transportbehälter für das persönliche Eigentum, es bringt dort auch später, z.B. in den Cargo-Hosen, alles unter. Kleine Mädchen bekommen ihrem späteren Rollenbild gemäß kleine Taschen zum Umhängen und sind es von früh an gewöhnt, Gegenstände an den Körper zu attachen. In ihrer Kleidung sind weniger Taschen vorgesehen, da diese von der Körperform ablenken. Je älter die Kinder werden, desto mehr Tragebehälter für verschiedene Funktionen treten in ihr Leben: Für die Schule war es früher ein Tornister aus Leder, verwandt dem militärischen Tornister. Heute sind es z.B. Kunststoff-Schultaschen (Scout) und Rucksäcke (Eastpak, 4you), Sporttaschen zur lokalen Fortbewegung und der große Rucksack zum Reisen. Im nächsten Schritt werden die Tragebehältnisse zur privaten Angelegenheit und zum Ausdruck von Selbstständigkeit. Die Taschen unterstehen nicht mehr der Einflusssphäre der Eltern, die Kinder packen sie selbst.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten des Tragens, um die Last auf dem Körper zu verteilen. Dinge können auf dem Rücken, in der Hand, an der Hüfte oder auf der Schulter transportiert werden. Die Tasche zählt als Tragebehälter zu den Accessoires. Ingrid Loschek betont die akzentsetzende Bedeutung der Accessoires (von lat. accedere : beitreten, beistehen, Zusatz, Zubehör, Beiwerk), die älter als die Bekleidung und keineswegs beiläufig sind. Sie hat ihren Ursprung in der Notwendigkeit von Sammel- und Transportbehältern für die Jäger und Sammler (Loschek 1993, 6) bzw. für die frühe Lastenträgerin Frau.
Da es keine Kultur ohne Tragebehältnisse gibt, gilt die Tasche im Gewand oder umgehängt als ältestes Beiwerk der Menschen (Loschek 1993, 254). Hirte und Jäger bedienen sich der pera (griech; Hippopera ist die Satteltasche), einer Tasche aus Leder, die schräg über eine Schulter gehängt wird.
Heute haben sich die Formen von Tragebehältnissen für jede Funktion ausdifferenziert,
grob gilt eine Unterteilung in die Bereiche Arbeit, Reise, Sport, Freizeit und Einkauf. Es gibt sogenannte Dandytaschen, Hipbags (80er) oder den kleinen Rucksack (Daypack), die quergeschnürten Body Bags (nicht zu verwechseln mit den Taschen, in die Leichen in den USA gepackt werden) und DJ Bags (die Plattentasche des DJs), Messenger-, Zeitungsjungen-bzw. Fahrradkuriertaschen.
Charakteristisch ist, dass die aktuellen jugendlichen Taschenformen quer umgehängt werden. Die Tasche quer zu tragen, verspricht zum einen sicheren Halt, z.B. für den Fahrradkurrier (verstärkt wird dies auch durch zusätzliche Hüftgurte, z.B. bei den Freitag-Taschen). Zum anderen verweist die diagonale Schnürung auch auf die militärische Tradition. Patronengürtel werden um die Hüfte und überkreuz quer auf den Körper geschnürt. Das militärische Konzept verspricht sich von der diagonalen Anordnung die maximale Ausnutzung des Körpers als Transportfläche und einen optimalen Zugriff auf Waffen und Munition. Das diagonale Tragen wird bei den Jugendlichen aber nicht deshalb vorherrschend, weil es einen sicheren Halt verspricht, sondern weil es eine stilistische Nische erschließt, die darin besteht, den Körper neu zu unterteilen. Zudem hat das Querumhängen bestimmte Konnotationen, die dem Bereich des Infantilen zugeordnet sind: Die Kindergartentasche wird quer umgehängt, damit das Kind sie nicht verliert. Quer, also gekreuzt, kommt im Erwachsenalter selten vor, dort wird die vertikale Formen bevorzugt. Diagonale Riemen zerschneiden die sonst horizontal und vertikal angeordneten Kleidungsensembles.
Wichtig ist die "attitude" von Jugendkulturen, die das Tragen ergänzt, die Art der Schnürung, die Position der Tasche am Körper, das Öffnen und Schließen. Oft kommt es zur Umkodierung von Gegenständen, wie in der Renaissance der Hüfttasche, der HipBag ersichtlich, einst Utensil des reisenden "Spießers", dessen Vorzugsziel der Ballermann auf Mallorca ist. Das negativ besetzte Stück bekommt eine andere Position am Körper. Es wird nach hinten gedreht und widerspricht damit der eigentlichen Funktion, die Besitztümer nah am Körper und in Sichtweite zu haben. Ebenso wird mit kleinen Rucksäcken, den sogenannte Daypacks, abgeleitet vom grossen Trekking-Rucksack, verfahren. Sie werden so tief getragen, dass die eigentlich beabsichtige Ergonomie, eine Anpassung an den Körper, außer Kraft gesetzt wird.
Eine Umdeutung von anderen Form des Tragens und Transportierens zeigt sich in der Adaption der Kuriertaschen. Robuste High-Tech Materialen und Gebrauchsspuren dienen der Vorspiegelung einer bereits erfüllten Funktion. Die Messenger und DJ Bags von Freitag, Ortlieb oder Airbag haben außerdem funktional motivierte, oft patentierte Details, z.B. verstellbare Clipverschlüsse, Klettverschlüsse, die sogenannten Velcros, die ein schnelles Öffnen und den Schutz der beförderten Platten, Kurierpaketen oder des Gepäcks garantieren. Diese Verschlüsse erhalten auch als Kleidungselemente große Bedeutung und weisen so auf die Übernahme der Funktion als Transportbehälter und Stauraum hin. Die Kleidung bekommt Velcros, Haken, Tunnelzug, Reißverschlüsse, Clipverschluss und Karabinerhaken zum Anhängen von Gegenständen.
Weitere umkodierte Accessoires sind Brustbeutel und umgehängte Schlüssel, letzterer erfährt als Keyhanger (zu den Begriffen der Jugendsprache siehe Richard 2000) eine Renaissance. Zuvor handelte es sich um negative Zeichen von Unmündigkeit: der Brustbeutel wird den Kindern für die Klassenfahrt von den Eltern umgehängt und der Schlüssel am Band steht als visuelles Zeichen für das Schlüsselkind, das zwar autonom die Wohnung betreten kann, aber doch eine Einschränkung dadurch erfährt, dass es dann allein ist. Diese Elemente werden transformiert zu stilistischen Zeichen von jugendlicher Autonomie. Das selbststigmatisierte "Schlüsselkind" trägt den Keyhanger, der einen Karabinerhaken für die Schlüssel besitzt und das mit einem Markennamen beschriftete Umhängeband, was je nach Stil auch aus der Hosentasche heraushängen kann. Hier wird aus dem "Versehen", das Band nicht ganz in der Hose verstaut zu haben, eine stilistische Attitüde.
Das Keychain-Wallet, die Geldbörse an der Kette, ist ein Kultgegenstand, der in verschiedenen Szenen verwendet wird: das Harley Davidson Modell wandert z.B. von den Rockern zur Hardcore-Szene. Das Keychain Wallet verweist auf den einst am Gürtel befestigten Geldbeutel und erinnert an die Taschenuhr, die an der Kette hängt. Bei den Skatboardern sind Portemonnaies, Schlüssel an der Kette und Rucksäcke zunächst funktional bedingt, bei Jumps and Grinds fallen die Utensilien sonst aus der Tasche.
Jugendkulturen benutzen und erfinden neue Tragebehältnisse für ihre Aktivitäten und ihre Fortbewegung. Da sie oft als "streetcorner societies" keine festen Orte auf Dauer besetzen, werden die Taschen zum Ausdruck von Mobilität und Ortsungebundenheit, die der Grund sind, dass man alles Wichtige bei sich hat und es auch nahe am Körper trägt.

Elekrifizierter Cargo-Kult

Die Einzelelemente der Alltagsmode geben Aufschluss über die soziale Veränderung des Transports von persönlichen Gegenständen. Ursprünglich sind Elemente wie Umhängebeutel oder Geldgurte spezielle Zeichen für Mobilität und vor allem für die Sicherheit auf Reisen. Zunächst bekommt die Kleidung einen nicht näher bestimmten Stauraum eingeschrieben. Die sogenannte Cargo Mode macht die einstigen Ziertaschen an der Kleidung nutzbar, aber bei inflationärer Verwendung an einem Kleidungstück werden sie wieder in ein Ornament rückverwandelt. Ein weiteres Phänomen ist in diesem Zusammenhang die Verselbstständigung der kleinen Taschen und Ablösung von der Oberbekleidung, wie z.B. bei den kleinen Geldbeuteln für Handgelenk oder Oberarm oder den Beinen.
Cargo heißt Transport und Fracht und impliziert die sichere geschützte Beförderung und die leichte Zugänglichkeit der beweglichen Güter. Nun kann man von einem futuristischen Cargo-Garderoben-Set sprechen, das den Menschen als Träger von Technologie präpariert. In jeder Kleidungssorte, in Hemden, Hosen, Röcken, an Schuhen und Stiefeln befinden sich eingearbeitete Taschen, um potentiell elektronische Devices aufzunehmen. Dafür müssen die Gegenstände zunächst schrumpfen, um am Körper angebracht werden zu können. Beispielhaft ist hierfür die Entwicklung des Designs für Mobiltelefone, dessen Miniaturisierung bald die Größenmaßstäbe des Menschlichen verläßt und in eine Welt der Nanowerte eintritt.
Also nicht der Kleinstcomputer bringt die Integration von Technik in die Kleidung, wie im Konzept der "wearables" vorgesehen, sondern die Aufteilung von Funktionen auf viele kleine Geräte. Diese Verfahrensweise berücksichtigen auch Levis und Philips, die in der icd+ Jacke die wichtigsten Teilfunktionen des mobilen Alltags herausdestillieren, Musikabspielen und Telefonieren, aber den Markt nicht klar definiert haben: Die Flexecutives der neuen Märkte hören nicht unbedingt Musik und für die Jugendlichen ist die High Tech Jacke zu teuer.
Die nicht elektrifizierte Mode benennt die Möglichkeit ihrer technologischen Aufrüstung mit "functional, utility" und "futuristic wear". Die Bezeichnungen entstammen der Haute Couture bzw. Pret a porter und sind ganz maßgeblich angestossen durch die futuristische Linie von Prada. Hier spielen wasserdichte strapazierfähige High Tech-Materialien und funktionale Details eine Rolle. Der Begriff "utility" impliziert auch die Wandelbarkeit von Kleidungstücken, z.B. die Möglichkeit, lange Hosen durch Reißverschlüsse in kurze umzugestalten. Die spezielle Nützlichkeit bestimmter Verschließmechanismen oder besonderer Materialien, die z.B. Wasserundurchlässigkeit garantieren in Extremsituationen, wird zum ästhetisch-formalen Ausdruck eines Kleidungsstücks. Außerhalb des Trekking Bereichs, dem viele der Elemente entstammen, werden Taschen, Reißverschluß, Tunnelzug und Klette zum High Tech-Ornament. Die Ornamente haben vor allem mit Öffnen und Schließen zu tun. Diese Vorgänge werden vom funktionalen Akt zu einer artistischen Verschluss-Übung, die wie beim Aufreissen eines Velcro auch mit neuen Geräuschen verbunden ist. Die Vereinfachung des auf einen Handgriff reduzierten Öffnens wird überdeutlich und ist im Bereich der infantilen Verschlussmöglichkeiten angesiedelt. Nicht Schleifen müssen gebunden oder Verschlusslöcher von Schnallen gesucht werden, hier findet ein einfaches Ankoppeln durch Einrasten bzw. "Festkletten" oder auch Festdrehen wie beim wiederaufgelegten Puma Disc statt.
Der Futuristic und Cargo Look gibt die Veränderung im Bild des flexiblen Menschen wieder. Dieser wird vom Jäger und Sammler zum postmodernen Nomaden, dem Pendler und Shopper, der sowohl ein flexibles universelles Transportbehältnis als auch die gleichzeitige Ausdifferenzierung in Tragebehältnisse für jede Gelegenheit vorantreibt. Wichtiges Charakteristum für die Veränderung des Tragens ist die gesteigerte Mobilität. Bei den Fahrradkurrieren müssen sich die Taschen aufgrund der Bewegung notwendigerweise mit dem Körper verbinden.
Der Mensch erscheint als heimatloser Träger und Lasten-Roller. Die Lasten aus den Satteltaschen von Pferd und Drahtesel werden nun auf den beschleunigten Nischenmenschen geladen: Der Mensch und damit auch der Mann wird wieder zum eigenen Lasttier. Streng genommen war es die Frau, die das erste Lasttier darstellt, sie ermöglicht den Männern in frühen Zivilisation durch die Beförderung von Lasten das Jagen (siehe Virilio 1978, 76ff zum Zusammenhang von Tragen und Fortbewegung).
Heute überholt der Mensch, flexibel und kommunizierend, die maschinenverstärkte Fortbewegung, die sich im rasenden Stillstand (Virilio) befindet. Er kann zwar nur kleinere Lasten transportieren, ist aber schneller, exemplarisch dafür sind die Fahrradkurriere mit ihrem mobilen Kommunikationsgeräten, die die Nischen des automobilen Verkehrs ausnutzen. Der Fahrradkurier repräsentiert prototypisch den Techno-Nomaden, der sich in gecrossten virtuellen und materiellen Räumen simultan bewegt. Genauer: Er switcht zwischen elektronischer und urbaner Sphäre und bereist die notwendigen Datenströme mit seinem Körper. Das Bild des flexiblen kommunzierenden Stadtnomaden übernehmen auch die Jugendkulturen, die durch das Fehlen von fester Raumbindung charakterisiert sind. Für sie repräsentieren Messenger-, DJ- Taschen eine ruhelose ungebremste Bewegung in den Metropolen.
Es hat sich also gezeigt, dass weniger die direkte Elektrifizierung des Körpers durch "wearable computing" einen Einfluß auf den Alltag haben wird, als vielmehr die symbolischen Verweise in der zeitgenössischen Cargo-Mode, die über die Möglichkeit der zukünftigen Integration von Informations- und Kommunikationselektronik in die Kleidung Aufschluss geben. Auch absolute Low Tech Erscheinungen können hier symbolische Wegweiser sein: Der Retro-Punk-Nomade trägt seine kommunikativen Messages sehr niederkomplex jetzt wieder in Form von Buttons an verschiedenen Kleidungsstücken.
Im Mittelpunkt des Cargo-Kults steht das Handy. Es ist modisch integrierbar, wandelbar, aber auch gleichzeitig auf bestimmte Funktionen konzentriert. Die transportable und körpernahe Kommunikationsmöglichkeit wird zunächst an den Gürtel gehängt, als reines Attachment, also nicht in die Kleidung integriert. Das Mobiltelefon zeigt die Richtung an, die "wearable computing" einschlagen müsste, um massenwirksam zu sein.
Die "wearables" wollen den Menschen durch seine permanente Einbindung in Netze verbessern, tendieren also zu einem neuen Menschenbild, das sich Cyborg und Robotik annähert. Viele der projektierten Anwendungsbereiche wie z.B. die Überwachung lassen die Vision des flexibel einsetzbaren, aber ständig unter Beobachtung stehenden und lokalisierbaren Nomaden entstehen. Womit das Nomadische den umherschweifenden und die nicht Vorhersehbarkeit der Bewegung verliert. Die Gefahr besteht in der Einwebung eines PAN (Personal Area Network) in größere, geschlossene, feste Netzeinheiten, die Kontrolle ausüben, z.B. im Bereich der Arbeitswelt. "wearable computing" klingt nicht nur nach einer schweren zusätzlichen Last, sie erschwert dem Menschen den Alltag, weil die Hardware transportiert werden muss (siehe Steve Mann www.wearcom.org/pictures.html).
Dagegen arbeiten die beschriebenen modischen Phänomene Ergänzungsmöglichkeiten in die Kleidung ein, die nur eine punktuelle Einbindung verlangen. Das Tragen von Technologie in der modischen Kleidung ist weniger mit direkter körperlicher Belastung und mit Gewicht assoziiert.
Die Gewichtung der Technologie und die Trennlinie zur Mode wird in dem Moment aufgehoben, wo Technologie nicht formgebend ist und die Körper deformiert, sondern Material, zuschneidbarer, und formbarer Stoff. Über diesen Verbreitungsweg werden intelligente Textilien, wie das heilende und kommunizierende T-Shirt aus Solarfaser beinahe unbemerkt in den Alltag einsickern (so wie die atmungsaktiven Stoffe: Goretex) so wie dies bereits bei "intelligenter" Nahrung mit gesundheitsfördernden Bestandteilen (z.B. Joghurts) ist.
Die Jugendmoden entwickeln Bilder für den mobilen Technonomaden Mensch, der sich spielerisch Technologien aneignet, ohne diese überzubewerten. Hier zeigt sich ein ungeschriebenes Gesetz im Umgang mit mobilen Kommunikationstechnologien, das diese nur soweit zulässt, wie sie dem menschlichen Körper angemessen ist und unter der Voraussetzung, dass sie eine visuelle zeichenhafte Kraft entwickeln, die der Ausprägung von Stil dienlich ist. Für die Ästhetik eines Stils müssen die Elemente sichtbar sein. Dagegen ist der Computer als unsichtbares, prozessierendes Kleid das erklärte Ziel der Entwickler von Philips und Levis, die ihn so in den menschlichen Alltag integrieren wollen, dass er verschwindet. Interessant ist, dass beide Firmen von Computer reden, aber Mobiltelefone und MP3 Player in die Kleidung einsetzen.
Elektrifizierte Mode, wie auch immer sie aussehen mag, wird sich nur durchsetzen, wenn die spezifischen Bedürfnisse bestimmter Techno-Nomaden gezielt angesprochen werden. Da es für den Menschen schon eine Überlastung darstellt zu telefonieren und Auto zu fahren, muss die intelligente Kleidung auf den menschlichen Maßstab Rücksicht nehmen und ein Gleichgewicht von subjektiven und objektiven Elementen herstellen.
Mit der niederkomplexen Cargo-Mode wird der Mensch vom "metabolischen Transportwesen" (Virilio) zum Datenlasttier, der das Handy anhängt wie die Attachments an seine email. Hier wird er nicht "outsmarted" (vgl. Ross Definition von smart, 1995) von der intelligenten Dingwelt, mit der Integration von Kommunikationselektronik in die Mode zeigt er seinen überlegenen Status, weil er mit dieser eingegrenzten Verstärkung (augmentation) seiner Realität in der Lage ist, die Probleme des mobilisierten Alltags flexibler zu bewältigen als ein übergestülptes, personalisier- und tragbares Computersystem. Damit hat sich eine e- subculture bereits von unten gebildet und im Rahmen einer humanen Smartness eigene Wege der bildhaften Elektrifizierung von Kleidung gefunden.

Literatur

Gibson, William: Neuromancer. München 1987
Loschek, Ingrid: Accessoires. Geschichte und Symbolik, München, Bruckman 1993
Lurie, Alison: The Language of Clothes. New York 1981
Morse, Margaret: What do Cyborgs eat? Oral Logic in an Information Society. In: Gretchen Bender/Timothy Druckey (ed.): Cultures on the brink. Ideologies of technology. Seattle 1995. 2. Auflage, S. 329-341
Richard, Birgit / Drühl, Sven (Hrsg.): Dauer-Simultaneität-Echtzeit. Kunstforum International, Heft 151, Juli 2000
Richard, Birgit: Computer/Mode/Musik. In: Trendbüro Hamburg (Hrsg):Wörterbuch der Szenesprachen. Duden, Langenscheidt Mannheim 2000
Ross, Andrew: The New Smartness. In: Gretchen Bender/Timothy Druckey (ed.): Cultures on the brink. Ideologies of technology. Seattle 1995. 2. Auflage, S. 329-341
Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren. Berlin 1978 S. 74ff
Willis, Paul: Jugendstile. Zur Ästhetik der gemeinsamen Kultur. Hamburg/ Berlin 1991
Gershenfeld, Neil: When Things start to think. Henry Holt Company 1999
Barfield, Woodrow / Caudell, Thomas (Hrsg.): Fundamentals of Wearable Computers and Augmented Reality. Lawrence Erlbaum Associates 2000
Gerken, Irene / Marken, Barbara: Die neue Econony der Textiler. Textilwirtschaft Nr. 48, 30. November 2000, S. 87


Web:
http://www.telepolis.de:
-Telepolis 9.2.01 Konrad Lischka: Wir lassen Computer verschwinden
- elepolis 18.08.01 Krystian Woznicki: Mode bleibt tragbar. Alles andere soll sich ändern Levis und Philips bringen interaktive Mode auf den Markt
www.ananova.com/news/story/sm_236061.html Ananova Artikel: Electric clothing could power computers (11. April 2001)
Andreas Grote: Solarzellen in Textilien sollen Mobilgeräte versorgen


URL
http://mime1.marc.gatech.edu/wearcon/
http://physics.www.media.mit.edu/publications/papers/96.03.times.pdf (Gershenfeld, Neil)
http://dl.www.media.mit.edu/" Digital Life Consortium
http://wearables.www.media.mit.edu/projects/wearables/FAQ/FAQ.txt; Version 1.0 (28.8.97)
http://wearables.www.media.e..ut-in-the-world/beauty/show3.html
http://gn.www.media.mit.edu/groups/gn/" http://www.almaden.ibm.com/journal/sj/mit/sectione/zimmerman.txt
http://wearables.www.media.mit.edu/projects/wearables/mithril/photos.html (Borglab MIT)
http://www.eng.auburn.edu/department/te/ntc/99/broughton/c98a17.html (Reactive Chemical Systems in Textiles9
http://www.tfritsche.de/ausruestung.htm (technische Textilien)
http://www.vivometrics.com/Products/index.html (Life Shirt, medizinischer Anwendung)
http://www.brunel.ac.uk/research/dfl/ (Design for Life Center Chris Chapman, Electro Textiles)
http://www.elektex.com (Softinterfacing, Ausstellung im MOMA New York)
http://www1.avantex.de/avant_ffm0011/ (Avantex Messe)
http://www.klaus-steilmann-institut.de/hightechfashion.html
http://www.wearcom.org/pictures.html (Steve Mann: Prof. an der Universität Toronto)
http://www.reima.fi und www.reimasmart.com (smart shout System)
http://www.unionknopf.com
Symposium zu wearable computing im ICA London: www.ica.org.uk/new media