Birgit Richard
HipHop

Die B-Boys des HipHop stehen in der Traditionslinie klassischer "street styles" im urbanen Raum der Metropolen. Die Mode ist Ausdruck ihrer gesellschaftlich marginalisierten Rolle. Das Prinzip des "living on the edge", eines Lebens zwischen Gefahr und Vergnügen wird in der Mode visualisiert. Bestimmte Posen und rhetorische Strategien wie der "Signifying monkey", Oberbegriff für Wörterverdrehung, Wiederholung und Umkehrung, werden auch auf die Mode übertragen. Der Ursprung dieses Stils liegt in einer funktionalen Kleidung, die aus der wirtschaftlichen Not geboren ist: Übergrößen werden gewählt, damit die Kinder hereinwachsen können, die Arbeitskleidung, weil sie robust ist und lange hält. Diese Stigmata, zu große Kleidung und Workwear, werden nun adaptiert und zum positiven Stilmerkmal umgedeutet. Das beliebte "oversize" Prinzip ist kennzeichnend für die B-Boys. Das dicke, auftragende Material, in Form von mehrfach gewebten Baumwollstoffen der Sweat-Shirts oder Daunenjacken in Übergröße, sind die Potenzierung von materieller Masse und dienen der Abschreckung möglicher Gegner. Wuchtige Arbeitsschuhe, ein unter Kapuzen, Anglerhut oder Wollmütze verborgenes Gesicht und die Größe XXL suggerieren Gefahr und sind Drohgebärde. De facto sind herunterhängende Latzhosen eher unfunktional für Flucht oder Kampf. Die Kleidung besitzt keine glatte Oberfläche. Wenn sie keine Stepnähte hat, bildet sie künstlich Wülste und Falten, die zusätzlich durch Erscheinungen wie ein hochgeschobenes Hosenbein (New York 1999), verstärkt werden.
HipHop zitiert ungeniert und besetzt über "appropiation" gleichzeitig die elitären Zeichen der Haute Couture. Der Stil bevorzugt die grafisch prägnanten Logos (Mercedes-Sterne, Gucci oder Chanel Label). Die Zeichen des unerreichbaren Wohlstandes und der Macht werden durch "blow up" Verfahren, wie auch bei den Zoot Suits der 40er Jahre übertrieben. Die Nachricht an die Gemeinschaft, ich habe es geschafft, steht im Mittelpunkt.
Der Stil ist durch "Black Male Posturing" (schwarze Männerposen) bestimmt.Außer den sehr männlich gekleideten "Flygirls" oder HipHop Queens wie Queen Latifah spielen Frauen eine marginale Rolle und sind weniger stilbildend.Der Gegensatz ist an der Mode deutlich abzulesen, kaum Kleidungsmasse bei den Frauen, diese sind als "bitch und Objekt" fast textillos, während Männer Masse und voluminöse Erscheinung demonstrieren.
Die auf die Kleidung aufgedruckte Schrift zeigt mit den international verständlichen Markenzeichen die Globalität des Stils und betont gleichzeitig die lokale Orientierung des HipHop (Stadtteile wie Bronx, Brooklyn (N.Y.), Compton (L.A.)). Konkreter gesellschaftlicher Straßen-Raum wird besetzt durch die Körper z.B. in der Kultivierung eines schleppenden und raumgreifenden Gangs. Unterstützt wird das Erscheinungbild durch die voluminöse Kleidung, die sich aufgrund ihrer klaren Farbigkeit von der Umgebung abhebt und eine Zuordnung bei gleichzeitiger Unübersehbarkeit suggeriert.


Disco

Die Disco Mode in den 70er Jahren gilt noch immer als ästhetische Entgleisung, da sie unter dem zwiespältigen Verdikt einer durch Oberflächlichkeit gekennzeichneten Mode steht. Die erste reine Club- und Tanzmode wirft zum ersten Mal die Frage nach den untrennbaren Verflechtungen von jugendkulturellen Stilelementen und deren Warenförmigkeit auf. Die Ablehnung richtet sich gegen den Dresscode der Discoszene, der aber wie in jeder jugendlichen Szene zur Abgrenzung von anderen Stilen dient. Die Türpolitik mit ihren Ausschlußkriterien macht sich nur an der Beurteilung des Styling fest. Sie gestaltet diese Partywelt nach modischen Gesetzen.
Disco-Style ist eine Mode für das Wochenende, weil dort das eigentliche Leben stattfindet. Filmtitel wie "Saturday Night Fever", "Thank God it´s Friday" machen das überdeutlich.
Das für Disco typische glamoröse Styling des weiblichen und auch des männlichen Selbst ist ausschließlich für diesen geschlossenen virtuellen Kosmos bestimmt. Es ist untauglich für den Alltag und wirkt in Außenräumen banal. Die großen Diskotheken verlangen eine eigens auf die Beleuchtung von Lichtorgeln, Discokugeln, Stroboskop, Schwarzlicht, Trockeneisnebel oder von unten beleuchtete Tanzfläche, abgestellte Kleidung. Die Beleuchtung der Beine deutet auf ein erwachendes Bewußtsein von der Möglichkeit der Präsentation des Körpers im Tanz. Neben der erotischen Zurschaustellung erlaubt die Discomode androgyne Posen, z.B. in hautenger Kleidungsstücken wie den Catsuits, durchgehenden Anzüge, ähnlich sitzen wie ein Gymnastikanzug und aus elastischen Kunstfasern bestehen.
Die Gleichzeitigkeit der Enge der auf Körpersilhouette geschnittenen Kleidung und ihr voluminöses Auslaufen im Schlag läßt diese unproportional erscheinen. Eine Kleidung, die sich dem Körper anpaßt, suggeriert einen engen Abschluß an Beinen und Armen. Sie erzeugt in Kombination mit erhöhenden Plateauschuhen, einen Eindruck des abgehobenen Schwebens, bei gleichzeitiger Verwurzelung auf dem Boden aufgrund der Masse von Schuh und Stoff.
Die Szene folgt dem "Dress for effect": Sie bevorzugt schimmernde und reflektierende Materialien, Stoffe wie Satin, Lurex, Samt und PVC. Im Kontrast zu den ebenfalls getragenen Primärfarben betont die häufig vorkommende Farbe Silber die Herausgehobenheit der Situation, den Tanz auf einem Planeten fern von der Erde.
Der gesamte Körper wird zur reflektierenden Oberfläche gemacht, selbst das Schminken mit Lip Gloss folgt diesem Prinzip. Der Körper ist das Pendant zur Discokugel, er bricht an unterschiedlichen Stellen das Licht und produziert Lichteffekte. Hier findet die gleichzeitige Auflösung des Körpers in eine Lichtgestalt und seine Betonung durch die Bewegung im Tanz statt, eine Kombination, die später im 90er Jahre Disco-Revival wieder wichtig wird.